Ist schon klar: Gewohnheitsmäßig Zigaretten zu rauchen ist unter allen Gesichtspunkten der Vernunft betrachtet derartig bescheuert, dass es schon einer gehörigen Portion Galgenhumor bedarf, wenn man es trotzdem macht. Dass dieser aber einer gewissen Gewöhnung bedarf, zeigt folgende kleine Begebenheit.

Manchmal ist das ja mit den eigenen fünf Sinnen so eine Sache: Nicht immer kann man ihnen vorbehaltlos trauen. Zum Beispiel betrete ich auf dem Weg zu einer Verabredung in Köln-Vogelsang eine Lottoannahmestelle … Also nicht, dass ich Lotto spiele! Ich kann sogar sagen, dass ich durch das Nicht-Lotto-Spielen in meinem Leben schon locker mehr als hunderttausend Euro gewonnen … ich meine natürlich gespart habe – aber das nur am Rande. Also, ich gehe da rein, weil ich mal wieder nichts zu rauchen habe, und traue zunächst meinen Ohren nicht.

„Ach nee, nich schon wieder der verfaulte Fuß! Den hatte ich doch letzte Woche schon, und davor die vereiterten Zähne. Ham Se nich ne Leiche für mich? Ne ganz normale Leiche?“

„Moment“, denke ich, „falscher Laden?“
Ein Rundblick über das Inventar vergewissert mich, dass ich die richtige Tür genommen habe.

„Nee“, sagt der Chef hinter der Kasse. „Ich glaub, Leichen sind aus. Wie wär’s mit nem Kindersarg?“

„Ach, ich weiß nich.“

„Oder Kehlkopfkrebs?“

Jetzt fällt bei mir der Groschen, wenn auch centweise: Es geht um die Ekelbilder auf Zigaretten- und Tabakverpackungen. Der Kunde, ein kleines, altes, äußerst dürres Männlein, blickt verzweifelt drein und kratzt sich am Kinn.

„Eigentlich müsste auf jeder Schnapsflasche auch so’n Schild kleben“, sagt der Chef jetzt. „Mit Bildern von Leberzirrhose und geschlagenen Ehefrauen und so.“

„Und auf jeder Tafel Schokolade“, ergänzt das Hutzelmännchen. „Fette Bäuche und Karieszähne und so.“

„Und auf jeder Autotür“, füge ich schelmisch hinzu. „Unfalltote, überfahrene Kinder, appe Beine und so.“

Das finden die beiden gar nicht komisch, mit eisigen Mienen fixieren sie mich. Das hätte ich wissen müssen, beim Auto hört der Spaß auf. Außerdem bin ich fremd in diesem Veedel. Also, nichts gegen Fremde … Aber wenn die Fremden nicht von hier sind!

„Na gut“, sagt das Hutzelmännchen endlich. „Dann nehm ich eben den Kehlkopfkrebs.“

„Ha!“, ruft da der Chef. „Hier hab ich ja doch noch ne Leiche!“
Triumphierend zieht er eine Zigarettenschachtel von ganz hinten aus der Reihe hervor und donnert sie mit Schwung auf die Verkaufstheke. „Macht dann sechs Euro!“

„Gott sei Dank!“ Das Hutzelmännchen nimmt die Schachtel und betrachtet sie gedankenverloren. Auf der Packung sehe ich das Gesicht eines im Sarg liegenden jungen Mannes. Am Rand des Fotos ist eine Hand zu sehen, die im Begriff ist, ein Leichentuch über den Kopf des Toten zu ziehen.

„Friede seiner Asche“, denke ich, schaffe es aber, endlich einmal die Klappe zu halten.

„Das sieht ganz friedlich aus“, stellt das Hutzelmännchen fest, seufzt erleichtert, wünscht dem Chef noch einen schönen Tag, schaut vielsagend durch mich hindurch und verlässt den Laden.

„Und was darf’s bei Ihnen sein?“, fragt der Chef und sieht mich herausfordernd an.

Mir bleibt also die Wahl zwischen verfaultem Fuß, blutig eiternden Zähnen und Kindersarg.  Beim Büdchen in meinem Veedel wäre mir das nicht passiert!

Als ich also endlich den Laden – sozusagen als lebende Leiche – wieder verlasse, formuliere ich für mich den Merksatz des Tages: „Support your local dealer!“

Text & Foto vom Foto: -bevi

 

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