Alles ist relativ. Eine Viertelstunde hat 15 Minuten – aber wenn von einem Viertelstündchen die Rede ist, dann mag es wohl wesentlich länger dauern. Zeit und Raum sind Urteile a priori, so habe ich es von Immanuel Kant gelernt. Und was die Kölner Verkehrsbetriebe unter dem Begriff „Sofort“ verstehen, wird sich mir wohl nie erschließen. Was das mit dem folgenden Beitrag zu tun hat? Relativ weviel.

Für die Zeitgenossen, die nicht Kunden der Deutschen Bahn sind: Die Bahnhöfe sind grundsätzlich rauchfreie Zonen. Für diejenigen, die partout nicht auf ihre Nikotinsucht verzichten können, gibt es Raucherbereiche. Diese befinden sich zumeist an den Enden der Bahnsteige und sind durch gelbe Linien auf dem Boden gekennzeichnet.

Es handelt sich dabei um drei bis vier Quadratmeter große Flächen, in deren Zentren jeweils ein überdachter Aschenbecher steht. Zum Schutz der Nichtraucher darf ausschließlich innerhalb dieser Bereiche geraucht werden. In aller Regel halten wir Raucher uns daran. Nur der doofe Zigarettenqualm hält sich nicht daran, der wabert nach wie vor über die gesamte Plattform. Egal: Wir sind hier schließlich in Deutschland! Da hat alles seine Ordnung!

Hauptbahnhof Trier, Raucherbereich auf Gleis 13 Nord, 16. Dezember 2018. Auf der Fahrt vom Saarland zurück nach Köln nutze ich dort eine Viertelstunde Umsteigepause für den Download von über 70 erwiesenermaßen krebserregenden Substanzen, die impotent und blind machen, die Zähne verfaulen lassen, Herzinfarkte und Schlaganfälle provozieren sowie Leid über alle bringen, die mich mögen.

Das schärft die Sinne, und so sehe ich sie schon von weitem herbeikommen: zwei waschechte kölsche Mädjer, beide jenseits der 50, also im allerbesten Alter, in dem frau sich nicht mehr mit so lästigen Dingen wie Bodyshaping oder trendy Hairstyling befasst, sondern völlig unbekümmert das Dasein genießt.

Beide ziehen Rollkoffer hinter sich her und fixieren mit zusammengekniffenen Augen die elektronische Anzeigetafel, auf der die Ankunft- und Abfahrtzeiten der nächsten Züge bekanntgegeben werden.

„Bitte nicht einsteigen!“, reklamiert die eine von ihnen, von der ich geneigt bin, sie in Gedanken „Uschi“ zu taufen. „Woröm dann nit insteije? Do stäht doch, dat dä us Düx kütt!“

„Ejo“, sagt die andere. Nennen wir sie doch einfach Kathrin. „Dä kütt us Düx, ävver dä endet he.“

„Un wat es mit unserem Zoch?“, fragt Uschi.

Kathrin kneift ihre Augen noch mehr zusammen, und dann hat sie die Lösung: „Luur ens. En Veedelstündsche später fäht dä widder zoröck!“

„Do meinß, dr Fohrer steigt us un jeit vun vürn noh hinge un dann jeiht et zoröck noh Düx?“

„Enä! Wann dä ussteigt un do ensteigt, wo jetzt hinge es, dann es dat jo vürn. Dä steigt hinge erus und jeiht dann noh vürn. Also: wat dat dann vürn es.“

Uschi bleibt stehen, lässt von ihrem Rollkoffer ab und fischt eine Packung Zigaretten aus ihrer Jackentasche. Holt einen Glimmstängel heraus und zündet ihn an.

„Ah“, entfährt es ihr, „dat dät jetz jot!“

„Do darfst he jar nicht ruuche!“, meckert Kathrin. „Eets do vürn en dr Ruucherbereich!“

„Drissejal“, erwidert Uschi. „Jonn mer ens en dr jelve Bereich.“

Die beiden Damen setzen ihre Füße über die gelbe Linie und stellen ihre Rollkoffer ab. Ich schaue auf die Anzeigetafel und stelle zu meiner Befriedigung fest, dass nun eine Verspätung von zehn Minuten angezeigt wird. Das reicht für einen weiteren Download, fast schon ein Upgrade!

Da sagt Uschi: „Wat mähs do dann einzlisch hee im jelven Bereich? Do bes doch Nitruucherin! Dorfs do üvverhaup he stonn?“

„Dat es wejen dr Kommunikation“, erwidert Kathrin. „Wie isch en dr Reha jewese wor, han isch dat jeliert: Dä Ruucher, dat sinn wesentlisch kommunikativere Minsche. En dr Klinik kannte die sisch all met Nome, und die wossten ooch allet övverenang. Dä Nitruucher wore all allein, jedda för sisch dät nix anneres wie op sing Smartphone daddele. Nä jo, un do ben isch ald zo dä Ruucher jejange.“

„Ejal“, schmunzelt Uschi. „Do jeihs jetz us däm jelven Bereich eruss! Weil: Do bes he illejal.“

Kathrin tut ihr den Gefallen. Allerdings würde zwischen ihren Schuh und der gelben Linie keine Briefmarke Platz finden.

„Un wat es met dinge Rollkoffer?“ Uschi gibt nicht auf. „Dä möht och us däm jelven Bereich eruss!“

„Do es ene vun dinge Zarettstange drin, die do en Luxemburg jekoof häs!“, zischt Kathrin zurück. „Dä Rollkoffer es lejal en dr jelve Zone.“

Daraufhin müssen beide so heftig lachen, dass mir vor Mitfreude meine Zigarette zu Boden fällt.

In diesem Moment fährt der Zug nach Koblenz ein, so dass ich die beiden Damen aus den Augen verliere. Der Waggon, den ich betrete, ist er derartig voll mit Reisenden, dass ich mit Mühe und Not einen Sitzplatz mit dem Rücken zur Fahrtrichtung finde. Dagegen habe ich im Prinzip nichts, denn rückwärts zu fahren oder zu gehen eröffnet jedes Mal ungeahnte und oft überraschende Perspektiven auf etwas, das man zu kennen glaubt.

Im weiteren Verlauf der Reise kommen Durchsagen wie „Besch, Ausstieg links“ oder „Cochem, Ausstieg rechts“. Von meiner Warte aus betrachtet erweist es sich jedoch, dass der Ausstieg jedes Mal auf der von mir aus gesehenen anderen Seite ist.

Da muss ich plötzlich an Rousseau, Kleist und Nietzsche denken, die allesamt irre geworden sind über die Divergenz zwischen Innenleben und Außenwelt.

Glücklicherweise ist mein Intellekt vom Dorf und neigt daher nicht zum Irrewerden, sondern eher zum Schenkelklopfen. In allerbester Laune steige ich also in Koblenz um in den Zug nach Köln (25 Minütchen Verspätung, also zwei Sargnägel im gelb markierten Raucherbereich), von wo aus die letzte Etappe Richtung Wahlheimat starte.

„Endlich“, denke ich, „werde ich gleich über die Hohenzollernbrücke fahren, den Dom wiedersehen, und dann wird mir das Herz überfließen vor Freude!“

Wie sich das dann aber wirklich weiterentwickelt hat an diesem ver… Sonntagabend, damit verschone ich dich besser.

 

Text & Foto: -bevi

 

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