Eines von diesen alten Schwarz-Weiß-Fotos mit Zackenrändern, die Mama stapelweise in ihrem Gelsenkirchener-Barock-Wohnzimmerschrank aufbewahrt, zeigt mich als sieben- oder achtjährigen Steppke in Strumpfhosen und Zipfelmütze, mit angeklebtem Bart, zwei dicken roten Tupfen auf den Wangen, einer großen Einkaufstasche in der Hand und einem ziemlich scheelen Grinsen im Gesicht.

Weiberfastnacht Mitte der 60er-Jahre in unserem Sauerländer Kaff: Ich stehe vor unserem noch nicht ganz fertigen Haus, die Szene ist schneebedeckt.

Noch bin ich schlank.

Sauerländer Karneval in den 60er-Jahren

Karneval fand bei uns damals nur an einem Tag im Jahr statt, am „Altweiberdonnerstag“. Und zwar ausschließlich für uns Kinder. Die Erwachsenen in unserem Kaff fingen erst in den 70er-Jahren damit an, so etwas Ähnliches wie Karneval zu feiern. Als Partykeller und HiFi-Türme in Mode kamen.

Von einem Rosenmontag hatten wir zwar schon gehört – schließlich stand der ja auch im Kalender. Aber bei uns war das ein ganz normaler Werktag.

Erst Jahre später begann der WDR, die Umzüge live zu übertragen. Dann nahmen wir zur Kenntnis, dass andere – sogenannte Jecken – am Rosenmontag nicht zur Arbeit und auch nicht in die Schule gingen, sondern verkleidet und in Gruppen durch die Straßen zogen und mit Bonbons, Blumensträußen und Kusshänden um sich warfen. Hm.

Für uns Kinder war der Altweiberdonnerstag die Gelegenheit, einmal das zu sein, was wir in der Tiefe unseres Herzens sein wollten: Räuber, Gendarm, Cowboy oder Indianer, Prinzessin, Hexe – je nachdem. Und ich wollte damals offensichtlich ein Heinzelmännchen sein. Scheinbar zog es mich schon damals irgendwie nach Köln.

Nachdem wir uns kostümiert hatten, dackelten wir in kleinen Gruppen von Tür zu Tür, klingelten die Hausfrauen aus der Küche und brachten ihnen ein Ständchen, auf dass sie uns reichlich mit Süßigkeiten belohnten. Daher die Einkaufstasche auf dem Foto: Sie war für die Beute bestimmt.

Überall bekamen wir etwas, wir wurden ja erwartet. Jede Hausherrin gab uns, was sie erübrigen konnte. Viele von den Produkten, unter denen sich heute die Regale in den Süßwarenabteilungen der Supermärkte biegen, gab es damals ja noch gar nicht. Nicht einmal die Supermärkte gab es. Jedenfalls nicht in unserem Kaff.

Und die Süßigkeiten waren im Vergleich zu heute noch richtig teuer. Das war noch vor dem Butterberg. Kakao und Zucker waren noch Kolonialwaren.

Und all unsere Väter waren noch schlank.

Trotzdem waren am Ende des Tages unsere Taschen prall gefüllt mit allem, was eigentlich außerhalb der Reichweite eines gesund heranwachsenden Kindes aufbewahrt werden sollte.

Zunächst mussten wir aber um die Häuser ziehen und den Menschen unser Lied bringen:

„Lüttge, lüttge Fassenacht,
ich hab gehört, ihr habt geschlacht’,
habt ne dicke Wurst gemacht.
Gib mir eine, gib mir eine,
aber nicht so’ne ganze kleine.
Lass das Messer sinken
bis unten in den Schinken.
Lass mich nicht so lange steh’n,
ich muss noch’n Häuschen weitergeh’n!“

Am Aschermittwoch ist alles vorbei

Der Text des Liedes legt die Vermutung nahe, dass die Lüttge Fassenacht in unserem Kaff ursprünglich dazu diente, nicht nur die Wintergeister zu vertreiben, sondern auch die Vorratskammern der Häuser vor dem Beginn der Fastenzeit von unnötigem Ballast zu befreien. Diese Tradition, geboren aus der Kargheit eines einfachen ländlichen Lebens, begann in der Blütezeit des Wirtschaftswunders ihren Sinn zu verlieren.

In unseren Augen handelte es sich dabei um eine Abwandlung des Sternsinger-Auftritts, nur dass wir uns zu Karneval keine Schuhwichse in die Gesichter schmieren mussten. Und dass Mädchen dabei erlaubt waren.

Es gab allerdings noch einen Unterschied zur Sternsinger-Nummer. Nur wenige Tage nach dem Beutezug kam unweigerlich der Aschermittwoch: Die Fastenzeit begann. Und das hieß Schluss mit lustig von einem Tag auf den anderen. Bis Ostersonntag wurde nicht mehr geschnuckelt. In diesem Punkt waren unsere streng katholischen Erziehungsberechtigten unerbittlich.

Das habe ich nie verstanden. Erst stopften sie dir bei Lüttge Fassenacht die Tasche mit Süßigkeiten voll, und dann hattest du gerade mal fünf Tage Zeit, dich daran zu erfreuen?
Das konnten sie haben!

Und so setzte ich Jahr für Jahr meine ganze Energie daran, die Kalorienbomben rechtzeitig bis zum Beginn der Fastenzeit sachgerecht zu entschärfen. Anfangs wurde mir natürlich schlecht von so viel Süßkram, aber nach und nach gewöhnte sich mein Körper an die unnatürliche Völlerei.

Seither bin ich dazu in der Lage, mehr zu essen, als gut für mich ist.

Damals wurde der Grundstock gelegt für meine um den Hüftbereich etwas zu ausladende Figur. Insofern mache ich die katholische Kirche für mein Übergewicht verantwortlich.

Mein ganzes Mitgefühl gilt übrigens den Pänz von heute. Die werden mit Kamelle ja förmlich zugeschissen.
Und so etwas wie eine Fastenzeit kennen die bestimmt auch nicht.

Text: -bevi, Foto: Adam Zivner via Wikimedia Commons

 

 

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