Büro, Büro. Nur 50 Prozent der Zeit, die du dort verbringst, bestehen aus wirklicher Arbeit. Der Rest ist Psychologie im Umgang mit den Kolleginnen und Kollegen. Und da ist Tricksen nicht nur erlaubt, sondern geradezu überlebensnotwendig. Und dabei ist – wie im Krieg und in der Liebe – jedes Mittel erlaubt. Zum Beispiel ein handelsüblicher schwarzer Edding.

Meine Arbeitskollegin möchte ein paar Gramm abnehmen. Nicht, dass sie zu dick wäre. Aber einige ihrer Lieblingskleider scheinen letztens beim Waschen etwas eingelaufen zu sein.

Jedenfalls ist sie deswegen neuerdings eine Weight Watcherin geworden.

Das bedeutet, sie isst nicht mehr einfach nach Lust und Laune, sondern hat sich – entsprechend ihrem Body Mass Index – eine tägliche Höchstmenge von Kalorien errechnen lassen, die sie nicht überschreiten darf. Die Kalorien werden in einem Punktesystem erfasst. Meine Kollegin darf täglich 23 Punkte zu sich nehmen.

Um das weightzuwatchen, hat sie sich eine App auf ihr Smarty downgeloadet. Und die geht so:

Du hältst die Handykamera auf den EAN-Code einer Lebensmittelverpackung, und die App rechnet dir im Nullkommanix aus, wie viele Punkte das sind.

Zu meinem alltäglichen Leidwesen hat meine Kollegin mir gegenüber Mutterinstinkte entwickelt. Vielleicht ist das so, weil sie selbst keine Kinder hat.

Das bedeutet, dass sie mich – obwohl ich zwei Jahre älter bin als sie – vor allem Bösen beschützen will. Und das funktioniert ja nur bei unablässiger Überwachung.

Heute Morgen packe ich im Büro mal wieder meine Schnabulationen für den harten Arbeitsalltag aus, woraufhin sie mich – zwar lächelnd, aber doch scharf – ins Auge fasst.

Sie zückt ihr Smartphone. „Herr Vielhaber. Geben Sie mir doch bitte mal die Packung mit den Nussecken rüber. Nur ganz kurz!“

Ach herrje, denke ich. Wenn ich ihr jetzt die Packung rüberreiche, wird sie mir anhand ihres Weight-Watchers-Punktesystems den Spaß am Essen verderben. Mache ich es nicht, werde ich für vermutlich zwei bis drei Tage wie ein Kollegenschwein behandelt. Also bitte: „Gerne!“

„Dann schauen wir doch mal!“, sagt sie triumphierend, schaltet ihr Smarty ein und bringt es in Stellung. Sofort quillt die Sorgenfalte auf ihrer Stirn auf.

„Der Strichcode ist durchgestrichen!“, ruft sie.

„War ein Sonderangebot“, grinse ich. „30 Prozent Rabatt. Tut mir leid.“

Mit hochgezogenen Augenbrauen über verengten Lidern – Zweifel und Missbilligung zugleich – reicht sie mir die Packung zurück.

„Da steht was von Palmfett in der Zutatenliste“, zischt sie. „Dafür werden Regenwälder abgeholzt!“

Der Sieg dieses Scharmützels geht also doch an sie.

Mütter …

Das Telefon klingelt. Gott sei Dank!

Text & Foto: -bevi

 

Teilen