Mein Nicht-Treffen mit Bernd sollte eigentlich ein Treffen mit Bernd werden. Das Datum war klar – Freitag, 27. Juli 2018. Die Uhrzeit war klar. Der Ort war klar. Langerwehe, Voreifel, Bahnhof. Alles war klar. Und alles hätte gutgehen können. Tat es aber nicht.

Ich hatte Langerwehe ins Spiel gebracht, weil ich nach mehreren Monaten ausschließlich in Stolberg wieder mal aus dem Städtchen herauswollte. Wir fanden heraus, dass ich gegen 11:40 Uhr in Langerwehe sein und Bernd etwa eine Viertelstunde später ankommen würde.

Zunächst lief noch alles gut

Am Tag des Treffens lief zunächst alles rund. Ich stand früh auf, schrieb eine Weile und ließ mich dann von den Hunden in den Wald ausführen. Die machten das ziemlich gut.

Anschließend packte ich eine Flasche Apfelwasser in meinen Beutel und bewegte mich in Richtung Bahnhof. Dort angekommen, blieb mir ausreichend Zeit, mir entspannt ein Ticket zu ziehen.

Der Zug nach Siegen (via Langerwehe) kam fast pünktlich und ich stieg ein. Immer noch war alles gut. Zumindest fast alles.

Es gab keine funktionierende Klimaanlage im Zug, und es war heiß. Das beeinträchtigte meine Laune nicht wirklich. Dennoch war ich froh, nur bis Langerwehe zu fahren und nicht weiter bis nach Siegen. Bereits in den ersten Minuten verstärkte sich mein Eindruck, dass sich meine Verwandlung in ein unangenehm riechendes, in Schweiß gebadetes „Es war einmal ein Mensch“ extrem beschleunigt.

Und dann … die Sache mit der Tür

Wir kamen ohne Probleme bis Eschweiler. Nächste Station: Langerwehe. Alles war immer noch gut. Ich nahm mein Stoffbeutelchen, schlenderte in Richtung Tür ‑ und als der Zug hielt, drückte ich auf den Knopf, der die Tür normalerweise öffnet.

Sie öffnete sich tatsächlich, allerdings nur um einen winzig kleinen Spalt.

Für ewig lange Sekunden gab ich mich der Illusion hin, die Kräfte eines Herkules zu besitzen und die Tür mit bloßen Händen öffnen zu können. Eventuell waren das die entscheidenden Sekunden, die mir am Ende fehlten.

Als mich die Erkenntnis überkam, dass ich definitiv NICHT Herkules bin, verwandelte ich mich blitzschnell in eine seltsame Mixtur aus Gepard und Rollmops (Rollmops dominierte) und sprintete den Gang hinunter zur nächsten Tür.

Unterwegs sah ich eine Schaffnerin in der Nähe der Tür und ich rief ihr zu, sie möchte doch bitte jene Tür für mich öffnen. Sie versuchte es. Aber an jenem heißen Freitag schienen sich die Türen der Welt oder zumindest die Türen dieses Zuges gegen mich verschworen zu haben. Es war zu spät. Der Zug fuhr an. Und ich fuhr mit.

Festzuhalten bleibt: Wäre jene Zugtür ein denkendes Wesen gewesen, das Treffen von Menschen mit Menschen aus sadistischer Lust gerne in NICHT-Treffen verwandelt, hätte sie mit einem minimalen NICHT-Einsatz ein maximales Ergebnis erzielt. Chapeau! Und wäre ich ein denkendes Wesen gewesen: Hätte ich die Tür vielleicht trotz aller Widrigkeiten aufbekommen? Vielleicht!

Die Fortsetzung des Dramas

Nicht einmal zehn Minuten später war ich in Düren. Es hätte möglicherweise immer noch alles gut werden können, wenn sofort ein Zug zurück in Richtung Aachen gefahren wäre. Aber … genau: Der Zug, der eigentlich eine halbe Stunde später hätte kommen sollen, fiel. Stellwerkschaden auf der Strecke …

Und so kam ich um kurz nach halb eins mittags in Langerwehe an und konnte dank einer mir wohlgesonnenen Tür aussteigen.

Bernd war natürlich nicht mehr da. Später erzählte er mir, dass er bereits früher als angekündigt in dort angekommen sei. Er habe den von mir genannten Zug aus Stolberg ebenso wie den darauf folgenden abgewartet und sei dann zurück nach Köln gefahren.

Da ich das alles bei meiner Ankunft in Langerwehe jedoch noch nicht wusste, blieb ich noch eine ganze Weile dort sitzen.

Ein kleiner Ausflug in die Gemeinde Langerwehe

Die Zeit am Bahnhof vertrieb ich mir mit Dösen. Schauen, was es zu schauen gibt, und einem leisen Trommeln auf der Sitzbank, obwohl ich gar nicht trommeln kann. Aber die Metallbänke am Bahnhof Langerwehe haben zumindest für meine Ohren sehr schöne Klänge, aus denen ein talentierterer Schlagzeuger als ich sicherlich etwas machen könnte.

Ich wartete etwa eine halbe Stunde, bis der nächste Zug nach Aachen kam, und ließ ihn weiterfahren.

Dannbegab ich mich – wo ich doch schon einmal da war! – ins Zentrum der Gemeinde und spazierte ein wenig herum.

Was hängen blieb: eine Kirche (ganz hübsch), eine Eisdiele, ein schönes Fachwerkhaus, ein kleiner Bach, eine Metzgerei mit leckeren Frikadellen, von denen ich eine probierte, ein eigentlich nicht erwähnenswertes Schulgebäude, zwei auf einer Bahnhofstreppe sitzende Jungs, die Rap hörten, eine Mitarbeiterin eines Pflegedienstes, die mich grüßte und die ich ebenfalls grüßte. Nicht sehr spektakulär, das gebe ich zu.

Darüber hinaus gibt es in Langerwehe mehrere Burgen und Burgruinen, die ich NICHT gesehen habe, weil es mir relativ schnell doch zu warm wurde und ich meinen kleinen Ausflug nicht allzu lang werden ließ. Im Gegensatz zu Bernd möchte ich nicht ausschließen, dass ich irgendwann nochmals nach Langerwehe zurückkehre.

Was Bernd und ich vereinbart haben

Als ich nach Hause zurückkam, rief meine Frau bei der Polizei an und gab Bescheid, dass die Suche nach mir abgebrochen werden kann. Scherz. Aber sie hatte sich tatsächlich Sorgen gemacht. Bernd hatte sich ebenfalls Sorgen gemacht. Das tut mir leid. Das wollte ich nicht. Für die Zukunft haben Bernd und ich vereinbart:

  • Als Treffpunkt wählen wir nicht mehr Langerwehe.
  • Ich werde ein altes, hier herumliegendes Handy mit Prepaid aktivieren. Zwar werde ich es vermutlich in über 99 Prozent meiner Zeit NICHT nutzen. Aber es gibt einige Situationen, in denen ein Handy sehr wertvoll ist.
  • Ich schreibe eine Geschichte über meinen NICHT-Ausflug mit Bernd.

Ich werde mich an die Vereinbarungen halten. Das hier ist schon einmal die Geschichte.

Text: Ansgar Sadeghi; Foto: -bevi

Hier kannst du lesen, wie wir uns dann doch noch in Langerwehe getroffen haben

 

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