Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

Mit der KVB von Zollstock nach Merkenich

REPORTAGE. Heute mache ich, was ich schon immer einmal tun wollte: Ich fahre mit einer Bahn der Linie 12 vom Startpunkt in Köln-Zollstock bis zur Endhaltestelle in Köln-Merkenich und wieder zurück.

Freitag, 31. Mai 2019, 06:20 Uhr. Über Köln hängt eine recht kompakte, aber nicht lichtundurchlässige Wolkendecke. Der Zug setzt sich in Bewegung. Du glaubst nicht, was es am Wegesrand alles zu sehen gibt. Zum Beispiel der Sperrmüll: Was die Leute alles loswerden wollen! Vieles davon würde ich gern besitzen, nahezu neuwertige Küchenmöbel, wirklich tolle Wohnzimmerschränke, lauter solche Sachen.

Und wie die Leute, die inzwischen zugestiegen sind, alle riechen! Die meisten verbreiten ein teilweise penetrantes Aroma von Duschschaum und Rasierwasser. Manche sehen übernächtigt aus, hin und wieder mischt sich der Geruch nach Sex, Knoblauch und Alkohol in die Atemluft. Es ist wirklich alles dabei.

Fast jeder starrt auf sein Smartphone. Kaum einer sieht aus dem Fenster oder gar in die Gesichter seiner Mitpassagiere. Generation Head down.

Gottesweg, Herthastraße. Die Geschäfte am Wegesrand sind zwar bereits erleuchtet, aber noch geschlossen. Der Einzelhandel bereitet sich vor auf den Konsum.

Barbarossaplatz, Zülpicher Platz, Umsteigemöglichkeiten. Weiter geht’s, die Bahn fährt in den Untergrund. Rudolfplatz, Fahrerwechsel. Die, die kommt, fragt den, der geht, ob es etwas Außergewöhnliches gebe. Ach ja, nein, nicht wirklich. Sie tauschen ein paar Scherze aus, dann fährt die Bahn wieder an.

Inzwischen sind wirklich viele Menschen zugestiegen, etliche müssen stehen, weil die Sitzplätze alle belegt sind. Eigentlich unglaublich, bedenkt man die Uhrzeit. Keine Business People, keine Schüler, keine Mütter mit ihren Kindern und auch keine Rentner, aber alle Altersklassen im arbeitsfähigen Alter. Wer sind sie? Was machen sie? Welches Ziel haben sie? Was wird dieser Tag in dieser Stadt für sie bringen? Für die meisten ist es ja, das vermute ich einfach mal, der Weg zur Arbeit.

Hansaring. Hier steigen viele Pendler in die oberirdische S-Bahn um, sie alle haben es sehr eilig. Ein Blick nach draußen: Auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig liegt ein vollkommen narkotisierter junger Mann auf einer Zweier-Sitzbank und schläft seinen Rausch aus. Es kümmert niemanden.

Am Ebertplatz steigen ebenso viele Menschen ein wie aus. Auch hier ohnmächtige Menschen auf den Bänken. Drop-outs ohne Hoffnung. Es ist still in der Bahn. Offenbar ist jeder für sich unterwegs.

Vor der Haltestelle Mollwitzstraße geht es endlich wieder heraus aus dem Untergrund. Wie hell es inzwischen geworden ist! Ist das noch Nippes hier, oder sind wir schon in Mauenheim, dem kleinsten Stadtteil Kölns? Lidl und Aldi gibt es hier jedenfalls auch – sie sind die neuen Grenzsteine zwischen den Veedeln und teilen sich oft genug einen gemeinsamen Parkplatz. Wohin du auch blickst, siehst du herumstehende Autos am Straßenrand. Auf den Trottoirs ein verhaltenes Hin und Her.

Köln-Niehl: Das Umfeld wird nun grüner, viele Bäume. „Ländlich“ wäre jedoch das falsche Wort. Die Holunderblüte ist in vollem Gange, das erfordert schnellstmögliche Aktivitäten (siehe „So schmeckt der Frühling“).

Dann auf einmal ein umfangreiches Gewerbegebiet, „Geestemünder Straße“, gleich darauf „Ford-Werke Süd“, „Ford-Werke Mitte“, „Ford-Werke Nord“, die Großbäckerei Merkenich – Produktionsstätten, die eine aggressive Trostlosigkeit ausstrahlen. Da möchte ich nicht tot über dem Zaun hängen. Inzwischen ist der Zug fast leer. Ich schließe die Augen und versuche, an etwas Schönes zu denken.

Plötzlich ist es vorbei: Merkenich, Endstation. Die Bahn hält an, die Fahrerin verlässt ihre Kabine und erklärt mir ‑ dem Einzigen, der noch an Bord ist ‑, dass dies die Arschlochstation sei. Übrigens habe es vorher hinreichende Durchsagen gegeben, nun dürfe ich eigentlich gar nicht mehr in diesem Zug sitzen.

Es tue mir leid, sage ich, dass ich dennoch da sei. Na ja, nicht wirklich. Was ich denn jetzt tun solle?

Augenzwinkern: „Sitzen bleiben.“

Und jetzt fahre ich wieder zurück nach Hause. Lecker Frühstück mit einer frischen Tageszeitung im Anschlag. Das Privileg der Arbeitslosen.

 

Text & Foto: -bevi

 

 

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2 Kommentare

  1. Fahre die selbe Strecke, wenn Du einen neuen Job hast, das liest sich dann vielleicht anders….. viel Glück bei den Bewerbungen.

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