Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

Der Blockwart – Nachruf auf einen Mann, den keiner kannte

PORTRÄT. Nach allem, was einer erlebt und hinter sich gelassen hat: Was bedeutet das Leben eines Menschen, den keiner kannte und an den sich die Leute nur erinnern, wenn sie mit der Nase darauf gestoßen werden?

Als ich mich neulich bei einem Herbstspaziergang durch den Park selbst dabei erwischte, wie ich eine leere Chipstüte aufhob und in den nächsten Müllfänger warf, musste ich plötzlich an den alten „Blockwart“ aus unserem Veedel denken.

Selbstverständlich war das nicht sein richtiger Name. Aber kennst du das nicht auch: Tagein, tagaus begegnest du in der Nachbarschaft allen möglichen Leuten, und im Laufe der Zeit lernst du sie aus der Entfernung ein wenig kennen. Weißt, welche Wege sie nehmen, welche Marotten sie haben, kennst ihren Kleidungsstil und ihre Bekannten. Weißt, in welchen Läden und vielleicht sogar was sie einkaufen, wo sie ungefähr wohnen und so weiter – mehr aber nicht.

All die bekannten Gesichter unbekannter Menschen in einer großen Stadt, in der du oft wochenlang deinen unmittelbaren Wohnungsnachbarn nicht zu Gesicht bekommst.

In Gedanken habe ich vielen von ihnen Namen gegeben, Bezeichnungen, die sich aus ihrer Wirkung auf mich ableiten. Titelfiguren aus Filmen etwa, Stars der Regenbogenpresse, bekannte Künstler, Romanhelden und so weiter. Den „Blockwart“ habe ich so getauft, weil ich ihn oft dabei beobachtet habe, wie er seine Runde durch unser Veedel drehte und aussah, als schaue er nach dem Rechten. Immer die gleiche Strecke, als bekäme er Bewegungsgeld dafür.

Mittelgroß, hager, schütteres, streng nach hinten gekämmtes Haar, ein viel zu großes Kassengestell schief auf der Nase sitzend, schlurfte er mit der verkniffenen Miene eines Pfennigfuchsers seiner Wege, eine Hand auf den Rücken gelegt, mit der anderen auf seinen Bauch trommelnd, das Kinn nach vorn geschoben, leicht bucklig, aber stets um Haltung bemüht.

Zucht und Ordnung zwischen Einmachgläsern

Meist trug er beigefarbene Halbschuhe mit Luftlöchern, selbst im Winter, verschlissen, nur unter ständigem Einsatz von Schuhwichse am Leben erhalten. Seine Kleider waren sauber, aber verknittert. Oft hing ihm das Hemd halb aus der Hose.

Unablässig schob er seine gewölbte Zunge zwischen den Zähnen nach vorn, drückte damit die Lippen auseinander, bleckte kurz das Gebiss, atmete zischend aus und begann wieder von vorn mit der Prozedur.

Wenn er in einem Müllfänger etwas fand, das seiner Meinung nach nicht dort hinein gehörte, zog er es mit spitzen Fingern heraus und trug es vor sich her, bis er es vor dem Haus, in dem er offenbar wohnte, in der entsprechenden Wertstofftonne entsorgen konnte.

Oft blieb er stehen und ließ seine prüfenden Blicke schweifen. Manchmal stand er aber auch nur da und sah aus, als würde er Bauklötze staunen. Niemals habe ich ihn mit jemandem sprechen gesehen.

Er war sehr alt und wohl sehr einsam. So, wie ich es mir vorstellte, kam er aus einer anderen Welt. Aus einer Welt, in der es noch Ammen gab und Schullandheime, Knechte und Mägde, in der ein Recke um seine Maid warb und Nebenbuhler aus dem Rennen warf. Eine Welt, in der Fräuleins auf ihre Aussteuer sparten und Telefone noch Wählscheiben hatten.

Eine Welt, in der die Pänz Butterbrote und Rechenschieber in ihre Ranzen packten und sich auf dem Weg zur Schule vor einem Schaufenster voller Bonbonnieren die Nasen plattdrückten. Wenn sie unartig gewesen waren, wurden sie nach Feierabend von den Vätern in der Waschküche zwischen all den Regalen mit Einmachgläsern tüchtig verhauen ‑ und danach hatten sie Stubenarrest. Eine Welt, in der Zucht, Ordnung und Sauberkeit herrschten, in der man „Bitte“ und „Danke“ sagte, die Jungs einen Diener und die Mädchen einen Knicks machten.

Wie sehr hatte sich diese Welt verändert. Sogar ich, der ich mich für wesentlich jünger hielt als den „Blockwart“, konnte bereits auf eine stattliche Liste ausgestorbener Wörter zurückblicken.

Bonanza, BTX und Bildschirmtext

Als ich klein war, gab es nur zwei Fernsehprogramme. WDR und all die anderen dritten kamen erst später hinzu. Das Programm begann abends mit einer Ansagerin und endete vor Mitternacht. Dazwischen war ein Testbild zu sehen. Dienstags und donnerstags gab es um vier Uhr nachmittags eine „Kinderstunde“. Sonntags liefen Cowboy- oder Heimatfilme.

Jene Zeit hat der „Blockwart“ wahrscheinlich als junger Vater erlebt. Fleißig bewältigte er die Mühsal des Wiederaufbaus nach dem Krieg. Dann musste er sich schwer umorientieren: Auf einmal standen die Swinging Sixties vor der Tür: erst Elvis, die Beatles und wie sie alle hießen, dann Hippies, Gammler, Kommunisten! Haschisch, LSD, Heroin und freie Liebe!

Als ich damals unser Dorf verließ, um in der nahen Stadt auf die Penne zu gehen, hörte ich zum ersten Mal von Schülerselbstverwaltung, K-Grüpplern, Stamokap und Kriegsdienstverweigerung.

Als Milchbart hatte ich einen Brieffreund, ein Bonanzarad, später ein BTX. Das Fernsehen nahm Fahrt auf und zeigte nun Serien wie „Bezaubernde Jeannie“, „Catweazle“, „Bonanza“ und „Daktari“. Niemals werde ich die grundlegende Veränderung vergessen, die die erste Folge von „Raumschiff Enterprise“ in meinem Leben bewirkte. Inzwischen trug ich ausschließlich Turnschuhe und hörte Jimi Hendrix, Deep Purple, Led Zeppelin und wie sie alle hießen. Ein Popper war ich nie.

An den Wochenenden besuchten wir Discos, Eintritt: ein Heiermann. Für meine Geliebte nahm ich Mixkassetten auf, die hörte sie dann bis zum unweigerlichen Bandsalat auf ihrem Walkman. Wir verabredeten uns vor Telefonzellen, deren Münzfernsprecher wirklich funktionierten. In den Siebzigern dann starteten wir Männer den Versuch, Feministen zu werden.

Was mein Vater von der ganzen Sache hielt, weiß ich. Wie wohl der „Blockwart“ damit umgegangen war? Hatte er überhaupt eine Frau und Kinder gehabt?

Von der Wählscheibe zur WhatsApp-Gruppe

Dennoch war die Welt damals vergleichsweise einfach zu begreifen. Es gab den Westen und den Osten, Gut und Böse ‑ Freiheit oder Kommunismus! Der „Blockwart“ war bestimmt auf der richtigen Seite gewesen – und ich natürlich auf der falschen. Denn leider hatte ich mich entschlossen, zu den Gammlern und Hippies, den Kriegsdienstverweigerern und Kommunisten zu gehören. Irgendwann habe ich aufgehört mitzuzählen, wie oft ich aufgefordert wurde, „nach drüben“ zu gehen.

Aber selbst für einen wie mich drehte sich das Rad immer schneller und schneller. Die Arbeiten während meines Studiums schrieb ich noch auf einer Reiseschreibmaschine, damals hielt ich Tipp-Ex für eine bahnbrechende Erfindung. Meine kaufmännische Lehre hielt zunächst eine elektrische Schreibmaschine mit Korrekturband und dann die ersten lächerlichen Rechner mit Analog-Modems für mich bereit. Damals hieß der Slash noch „Schrägstrich“, den Hashtag nannten wir „Rautetaste“.

Vom Bildschirmtext über Telefax zur E-Mail in zehn Sekunden. E-Mails sind ja fast auch inzwischen out. Der „Blockwart“, so wie ich es mir vorstelle, hat sich schon bei Bildschirmtext, Telex und Videokassetten ausgeklinkt und damit angefangen, die Vergangenheit gegen die Zukunft zu verteidigen. So war sein Leben ausgeplätschert. Vielleicht war ihm die Frau gestorben, vielleicht hat er nie eine gehabt. Was war aus ihm geworden? War er jetzt in einem Pflegeheim? War er gestorben?

Ich fragte die Büdchenchefin nach ihm, die Filialleiterin der Bäckerei, den Inhaber der Lottoannahmestelle, den Frisör, der seinen Salon jetzt dort betreibt, wo noch vor ein paar Jahren das Postamt des Veedels war, den Besitzer der Pommesbude und selbst den altgedienten Briefträger. Alle zeigten die gleiche Reaktion: Zunächst entschiedenes Kopfschütteln, dann Innehalten, Stirnrunzeln, Aufhellen der Miene, der Groschen war gefallen.
„Mensch, stimmt ja! Der Alte! Keine Ahnung, wie der hieß. Nee, den hab ich schon lange nicht mehr gesehen. Das ist ja’n Ding!“

Alle konnten sich an ihn erinnern, aber keiner wusste, wer er war.

Nach allem, was einer erlebt und hinter sich gelassen hat: Was bedeutet das Leben eines Menschen, den keiner kannte und an den sich die Leute nur erinnern, wenn sie mit der Nase darauf gestoßen werden? Ich schätze, es war dann immer noch sein eigenes, ganz und gar unverwechselbares Leben – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Tja, ob unser Veedel jetzt wohl einen neuen Blockwart braucht? Ich hätte da schon so eine Idee.

Text & Foto: -bevi

 

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1 Kommentar

  1. Stefan von Berg

    30. Juli 2018 at 7:06

    Sehr warmherziger Blick auf Deine Umwelt, lieber Bernd! Und eine coole Neudefinition des Begriffs des Blockwarts, die mir besser gefällt! LG, Stefan

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