Gestern im Waschsalon war es mal wieder so richtig schön langweilig. Normalerweise schöpfe ich eine meditative Ruhe daraus, der sich drehenden Waschtrommel bei der Arbeit zuzuschauen und dabei genüsslich einige noch warme Croissants zu verzehren. So auch diesmal. Doch dann …

… drehe ich mir eine Zigarette und stelle mich nach draußen auf den Bürgersteig, wo ich meine Blicke schweifen lasse.

Nachdem ich mich am üblichen Straßentreiben sattgesehen habe, lasse ich meine Augen die Fassade des gegenüberliegenden Hauses hinaufwandern, wo ich im zweiten Stock ein offenes Fenster entdecke. Dahinter, im Inneren der Wohnung, sitzen ein junger Mann und eine ebenso junge Frau einander gegenüber. Beide rauchen und halten ihre Zigaretten über das Fensterbrett nach draußen. Von meinem Standpunkt aus sind nur ihre Köpfe und Schultern zu sehen.

Sie sind vielleicht Anfang 20 und unterhalten sich auf verliebte Weise. Ihre Nasen berühren sich dabei. Sie blicken einander tief in die Augen und vergessen darüber die Zigaretten, die noch immer an ihren Fingern über der Fensterbank hängen. Ihre Lippen suchen und finden sich, spielen miteinander, ihre Zungen beginnen, einander zu necken.

Soeben löst sich die Asche vom Glimmstängel der Frau, fällt hinab und landet auf dem Haarschopf einer Passantin. Die bemerkt das gar nicht und geht, fröhlich in ihr Headset parlierend, weiter.

Auf einmal steht einer neben mir und fängt an, mich vollzutexten. Zwar kommt mir sein Gesicht von früheren Waschsalonbesuchen bekannt vor, aber ich kann mich nicht erinnern, dass wir vereinbart haben, einander zu duzen.

„Ist ja auch egal“, sagt er. „Ich rede ja sowieso nur mit dir, weil ich dich vom Sehen kenne.“

Vom Sehen? Okay. Dann schauen wir doch mal: Er ist genauso groß wie ich, aber muskulöser. Kurzgeschorene blonde Haare, schwarze Lederjacke (tailliert), Goldkettchen am Hals, kölscher Schnörres und Kajal um die Augenlider.

„Tach jesaat un esu“, und dann ging das folgendermaßen weiter:

„Guck dir mal die Tusse da an. Trinkt Bier am frühen Morgen!“ Dabei zeigt er auf eine junge Frau, die auf der anderen Straßenseite vorübergeht.

„Das ist kein Bier“, sage ich, „sondern Mate-Tee.“

„So’n Quatsch. Mate-Tee. Wer trinkt denn so was?“

Ich schaue wieder hinauf zu dem Fenster, hinter dem das Pärchen knutscht.

Scheinbar ist der Frau etwas zu Boden gefallen. Sie rutscht vom Sitz, ihr Kopf verschwindet unter der Fensterbank. Der junge Mann nutzt die Pause zur Entspannung. Er legt den Kopf in den Nacken und beginnt mit geschlossenen Augen eine rhythmische Atemübung, die darin besteht, dass er seine Lungen mit möglichst viel Luft füllt und diese dann keuchend wieder aus sich herauslässt.

„Früher war alles besser“, meint der Kollege neben mir und spuckt in den Rinnstein. „In meiner Stammkneipe muss ich mein Bier jedes Mal sofort bezahlen, wenn es mir gebracht wird. Früher konnte ich da einen Deckel machen, den habe ich dann zwei Wochen später bezahlt. Das sind alles die Immis schuld.“

„Die Immis?“

„Genau. Von denen gibt es viel zu viele. Köln ist nicht mehr uns Kölschen. Früher kannten wir uns noch. Jetzt laufen dir nur noch Fremde über den Weg. Sogar meine Freunde sind alles Fremde. Früher hatten wir Veedel, jetzt sind das nur noch Postzustell… äh …“

„…bezirke?“

„Genau! Früher war das gemütlich hier in Köln. Jetzt ist das alles nur noch scheiße. Die Leute sind total unfreundlich geworden.“

Hinter uns geht die Tür auf, eine junge Dame kommt heraus, die Wäschetasche über der Schulter.

„Morgen!“, sagt sie lächelt uns an und geht davon.

„Siehst du?“, meint er anerkennend. „Daran erkennt man ne Immi. Die grüßen noch und lächeln einen an!“

Dann verfinstert sich seine Miene wieder. „Heute wird ja immer weniger Kölsch gesprochen“, sagt er stirnrunzelnd. „Alle beschweren sich darüber, aber keiner macht was dran.“

Da kann ich ihm als Immi leider auch nicht weiterhelfen.

„Mein Programm ist durch“, sagt er nach einem Blick in das Innere des Waschsalons. „Mach’s gut, Kumpel.“

„Ja“, sage ich. „Du auch.“

Oben im Fenster taucht die Frau wieder auf. Das Spiel der Sonne lässt einige Tropfen in ihren Mundwinkeln glitzern. Hoffentlich hat sie sich nicht erkältet. Das kommt davon, wenn man bei diesem Wetter halbnackt am offenen Fenster Zigaretten raucht!

Mein Programm müsste jetzt auch durch sein, überlege ich, gehe wieder hinein und stelle fest: noch zehn Minuten.

Text: -bevi

 

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