Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

Nur ein Röggelchen

Heutzutage sind ja viele selbst dann in Eile, wenn sie eigentlich alle Zeit der ganzen Welt haben. Du kannst mir glauben, dass ich nicht zu diesen Menschen zähle. Im Mittelpunkt zu stehen ist übrigens auch nicht mein Ding. Aber wenn man mich komplett ignoriert, kann ich das auch nicht so gut haben. 

Eigentlich will ich auf dem Weg zu einem Termin nur schnell ein Röggelchen und einen Kakao kaufen. Also betrete ich unterwegs die nächstbeste Filiale einer Kölner Bäckereikette. Zum Glück ist niemand vor mir, ich bin der einzige Kunde weit und breit. Das geht bestimmt schnell.

Den Kakao fische ich mir selbst aus dem großen Glastür-Kühlschrank, der gleich im Eingangsbereich steht, und die Röggelchen liegen schon verkaufsbereit im Angebotsregal hinter der Theke.

Mit Laib und Seele bei der Arbeit

Aber ich bin ja noch lange nicht an der Reihe. Die Dame beim Kaffeeautomaten ist derart emsig damit beschäftigt, Brötchen mit Butter zu bestreichen und mit Belag zu versehen, dass ich sie unmöglich in ihrer tiefen Konzentration stören kann, ohne dadurch augenblicklich zum rücksichtslosesten Menschen des Rheinlands gestempelt zu werden. Das stünde bestimmt schon morgen im EXPRESS, mit einem Foto von mir sowie mit meiner Adresse und Telefonnummer. Aus einer Messerstecherei im Kiosk macht dieses Blatt ja schon mal gerne einen „Blutrausch im Büdchen“. Das kann ich mir nicht leisten.

Eine zweite Frau – auch sie trägt ein ordentlich gebügeltes Uniformhemd mit dem Bäckerei-Logo – ist ins Fegen des Bodens hinter der Theke vertieft, von ihr bekomme ich nur den Rücken und den Hinterkopf zu sehen. Aha, denke ich mir, Spezialausbildung. Nicht zuständig für den Verkauf.

Eine dritte Angestellte kümmert sich um die frisch eingetroffenen Backbleche, auf denen Brötchen-Rohlinge aufgereiht liegen. Mit viel Liebe zum Detail schiebt sie Lage um Lage in den Ofen. Ich suche den Augenkontakt mit ihr, finde ihn – sie erwidert meinen Blick, jedoch nur kurz. Kunde droht mit Auftrag. Soll man sich deswegen gleich ein Bein ausreißen? Selbstbewusst wendet sie sich wieder ab und setzt ihre Tätigkeit fort.

Ich nehme all meinen Mut zusammen und sage: „Ähem!“

„Moment noch“, höre ich die Stimme der Dame vor dem Backautomaten sagen. Sie schließt den Ofen, stellt Temperatur und Backzeit ein und begibt sich in den hinteren Raum, wo sie die Kollegin mit dem Besen trifft. Die beiden beginnen ein gestenreiches Gespräch.

Da kann ja jeder kommen und einfach wieder gehen!

Tja, denke ich, hier hast du keine Chance. Immerhin sind die zu dritt und du bist nur einer. Da bist du schon rein zahlenmäßig unterlegen. Ein Mann muss wissen, wann er verloren hat. Außerdem wird es jetzt doch langsam Zeit für den Termin, wenn ich mich nicht verspäten will.

Artig stelle ich den Kakao wieder in den Kühlschrank und verlasse den Laden. Nach etlichen Metern ‑ ich habe mir im Gehen bereits eine Zigarette gedreht und angesteckt ‑ höre ich eine erboste Stimme hinter mir rufen: „Aber ich habe doch ‚Moment noch‘ gesagt!“ Aber da ist es mir auch schon egal.

Morgen also im EXPRESS. Ich sehe den Aufmacher der ersten Seite bereits vor mir: 

EKLAT IN BÄCKEREI!
Mann verlässt Laden, ohne etwas gekauft zu haben!
Bäckereifachverkäuferin Erna S.: „Und dabei hatte ich doch ‚Moment noch!‘ gesagt!“

Darunter ein Foto von mir, mit Adresse und Telefonnummer.

In dieser Stadt bleibt einem aber auch gar nichts erspart.

Text & Fotomontage: -bevi

 

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1 Kommentar

  1. Das habe ich auch schon tausendmal so erlebt. Da hilft nur eins: Stullen schmieren und Tee trinken.

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