Bei den Kölner Verkehrsbetrieben gehören Rolltreppen, die in beide Richtungen laufen können, schon längst zum Standard. Das Tolle daran: Sie sparen Platz und Energie. Ob es gerade hinauf- oder hinabgeht, ist an Leuchtsymbolen zu erkennen: Ein weißer Pfeil auf blauem Grund, wenn die Treppe in die richtige Richtung läuft. Aber was ist denn eigentlich die richtige Richtung?

U-Bahn-Station Ebertplatz. Als ich aus dem Waggon steige, überlege ich kurz, den Aufzug zu nehmen. Aber mit dem lande ich unweigerlich mitten im Verkehr der Riehler Straße. Ein echtes Abenteuer. Dann lieber Rolltreppe. Bin schließlich auch nicht mehr der Jüngste.

Schon von Weitem fällt mir der alte Mann am Fuß der Rolltreppe auf. Weil die Stufen abwärts laufen, wartet er allein vor dem rot leuchtenden Signal. Gebeugt steht er da und stützt sich auf seinen Stock. Erst ein zweiter Blick offenbart, dass er groß und schlank gewachsen ist; seine erstaunlich vollen, schlohweißen Haare hat er nach hinten gekämmt. Aber weil seine Glieder unablässig zittern, wirkt er gebrechlich und hilflos. Wie lange steht er wohl schon da?

Einer nach dem anderen schwebt auf der Treppe herab. Zum größten Teil junge Leute, die meisten von ihnen tragen Ohrstöpsel und starren auf ihre Smartphones.

Unglaublich, denke ich. Die könnten doch auch locker die Stufen nebenan nehmen. Welcher Jeck hat sich bloß diese abwärts fahrenden Rolltreppen ausgedacht?

Als ich mich neben den Alten stelle, um gemeinsam mit ihm zu warten, spricht er mich an.

„Das geht jetzt schon die ganze Zeit so“, sagt er kopfschüttelnd und mit traurigem Lächeln. „Aber ich habe ja Zeit. Oder etwa nicht?“

Es folgen eine wegwerfende Handbewegung und ein tiefer Seufzer, der sich erst in ein Röcheln und dann in einen Husten verwandelt. Mir ist schon klar, was er meint. Die jungen Leute denken, dass die Alten, da sie doch keine Termine mehr haben, über alle Zeit der ganzen Welt verfügen. Aber die Alten sehen das anders: Sie haben noch einen letzten Termin, und zwar den mit dem Tod. Und weil sie dessen Näherrücken unerbittlich spüren, ist ihnen jede Sekunde kostbar.

Also eile ich die „normale Treppe“ hinauf, versperre oben angekommen jedem, der da kommen mag, den Weg zur Rolltreppe und winke dem Greis unten zu. Endlich halten die Stufen kurz an, dann setzen sie sich nach oben in Bewegung.

Dankbar winkt mir der alte Mann zurück, jetzt kommt er hoch. Unten fährt die nächste Bahn vor, die aussteigenden Menschen strömen zur Rolltreppe. So ist’s gut, denke ich selbstzufrieden, das lohnt sich jetzt richtig!

Da lässt mich eine Stimme herumfahren. Vor mir steht eine sehr alte Dame, klein und resolut, bebend vor Zorn. Mit der rechten Hand umklammert sie den Griff eines vollbepackten Einkaufstrolleys, mit der linken droht sie mir.

„Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben! Und wie soll ich jetzt da runterkommen?“

Ob ich schnell hinunterlaufe und die Rolltreppe erneut zum Stehen bringe, diesmal anders herum? Das mache ich ganz sicher nicht! Lieber stottere ich eine Entschuldigung und biete der Dame an, ihren Trolley die Treppe hinunterzutragen. Aber jetzt bin ich natürlich nicht einmal mehr Luft für sie.

Wie man es macht, macht man es ja doch verkehrt! Na gut, denke ich im Weitergehen, natürlich ist mal wieder die KVB an allem schuld. Nur eine Rolltreppe für rauf und runter! Können die eigentlich gar nichts richtig machen?

Text & Foto: -bevi

 

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