Ja nee, ist klar: Der Kölner an sich ist multikulti und super tolerant. Das ist die offizielle Version, ausgegeben von denen, die ein wirtschaftliches Interesse an den internationalen Besuchern der Domstadt haben, und besungen von denen, die ein wirtschaftliches Interesse an der Zweitverwertung der erstgenannten Interessen haben. Im Kölner Alltag schaut das leider nicht selten anders aus. Die folgende Begebenheit ist nur ein Beispiel für viele Erlebnisse in diesem Zusammenhang.

Normal: Wenn ich gerade zur Straßenbahnhaltestelle komme, fährt mir die Bahn vor der Nase weg. Was machst du da? Pfefferst deine Prütteln auf die nächstbeste Bank, setzt dich daneben und drehst dir erst einmal einen Sargnagel.

Kommt da ein älterer Herr angehumpelt: klein, schmächtig, bleich und mit hochgezogenen Schultern, als erwarte er jeden Moment einen Nackenschlag.

An seiner linken Hand trägt er eine von diesen Bekenntnistaschen: „Ich bin von dm (oder von Lidl, Aldi, Rewe oder Edeka). Ich bin gut für die Umwelt, weil du mich mehrfach nutzen kannst“. Du weißt schon: die Dinger, die heutzutage an jeder Ecke von Köln prallgefüllt mit Plastikmüll auf dem Boden herumliegen.

Er hat seinen nötigsten Einkauf darin, der nicht einmal bis zur Hälfte der üblichen Füllmenge einer solchen Tasche reicht.

Der setzt sich also neben mich, schnappt nach Luft und spricht mich an, wobei er mit dem Kinn nickend meine Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes zu richten trachtet.

Ich folge der Bestimmung seines Kinns und entdecke auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig zwei schwarz verschleierte Frauen, die Kinderwagen schieben und jeweils ein weiteres Kind an den Händen halten.

„Denen muss doch die Suppe den Arsch runterlaufen“, zischt jetzt der Mann neben mir.

„Tja“, erwidere ich. „Mir läuft die Suppe übrigens gerade auch den Arsch runter. Was für ein verkackter Scheißsommer.“

„Was?“, sagt er und kneift seine Miene noch mehr zusammen. „Also mir läuft keine Suppe irgendwo runter.“

Endlich gelingt es mir einmal, einfach die Klappe zu halten.

„Die kommen in unser schönes, sauberes Land und vögeln wie die Weltmeister“, fährt er fort. „Dann halten sie die Hand auf und kriegen alles, was sie brauchen! Nur weil sie Asylanten sind!“

„Keine Ahnung, ob das da hinten Asylanten sind“, sage ich.

„Und was kriege ich?“, brüllt er unvermutet. „Ich habe fünzig Jahre für dieses Scheißland malocht, und was kriege ich dafür?“

„Na ja: Rente?“

„Rente! Ha! Gucken Sie sich mal meine Tasche an, und dann gucken Sie sich die Taschen von denen an!“

„Na gut“, sage ich. „Aber die müssen doch auch mehr in ihren Taschen haben. Weil: Die sind viele, und Sie sind nur einer.“

„Genau!“ Jetzt wird es laut. „Das ist in diesem Scheißland so, weil diesen Burkaträgerinnern und ihrem Gesocks das Geld in den Arsch geblasen wird! Aber darüber darf man sich heutzutage als ordentlicher Deutscher ja gar nicht mehr aufregen! Fünfzig Jahre habe ich für dieses Scheißland gearbeitet! Fünfzig Jahre! Und was habe ich davon?“

Da kommt – endlich! – die Bahn. Wir rappeln uns beide von der Bank.

„Quälen Sie sich ruhig weiter selbst mit Ihrem Hass“, sage ich zum Abschied.

„Das“, verspricht er mir mit fester Stimme und trotzigem Blick, „werde ich ganz sicher tun!“

Wir trennen uns: Er steigt vorne ein, ich hinten. Der alte Mann tut mir leid.

Text: -bevi, Sommer 2018, Haltestelle: Köln-Zollstock

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