Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

… und nichts als die Wahrheit!

Die Wahrheit ist ein äußerst seltenes und kostbares Gut. Daher sollte man sparsam damit umgehen. Besonders dann, wenn man nett zu seinen Mitmenschen sein möchte. Neulich in der Straßenbahn wurde mir das mal wieder sehr deutlich vor Augen geführt.

Es ist schon etwas später – ich schätze gegen Mitternacht ‑, als ich in Mülheim am Wiener Platz in die Linie 18 Richtung Klettenberg einchecke, um meinen Heimweg nach Raderthal anzutreten.

Nachdem ich mich auf einem der freien Plätze eines Vierersitzes niedergelassen habe, gesellen sich ein junger Mann und zwei etwa gleichaltrige Damen hinzu. Alle drei Anfang 20, nur leicht angetrunken und bester Laune.

Wie sie auf dieses Thema gekommen sind, weiß ich natürlich nicht. Jedenfalls unterhalten sie sich angeregt über die Herstellung von Lebensmitteln.

„Weißt du eigentlich, wie man Käse macht?“, fragt der Junge das Mädchen neben mir.

„Keine Ahnung“, antwortet sie leichthin. „Du stellst eine Schale Milch auf die Fensterbank. Und wenn die ein paar Tage später zu Quark geworden ist, rührst du noch ein paarmal um und fertig.“

Da der Junge mir genau gegenüber sitzt, ist ihm nicht entgangen, dass ich darüber lächeln muss. Er sieht mir in die Augen und spricht mich an.

„Sie wissen wohl, wie man Käse macht.“ Es klingt wie eine Aufforderung, wenn nicht gar wie eine Herausforderung.
Also entgegne ich: „Allerdings weiß ich das.“

„Ach ja?“ Das ist nun die junge Dame neben mir. „Und wie geht das genau?“ Aufrichtig interessiert schaut sie mich an. 

„Zunächst benötigt man dazu natürlich Milch“, beginne ich. „Da haben Sie schon mal völlig recht. Aber ohne Lab wird einfach kein Käse daraus.“

„Lab? Was ist das denn?“

„Ein Gemisch aus Enzymen“, antworte ich. „Es findet sich in den Mägen von Kälbern und dient dazu, die Kuhmilch zu verdicken. Nur so kann das Kalb sie verdauen.“

„Von Kälbern?“

„Aber ja. Wie Sie wissen, sind Kühe Grasfresser. Milch können sie eigentlich nicht verdauen. Aus diesem Grund haben Babykühe Enzyme im Magen, die ihnen das überhaupt erst möglich machen. Und das ist das Lab.“

„Und damit macht man Käse?“

„Genau.“

In der nun eintretenden Pause kann ich den Gesichtern der drei jungen Menschen beim Nachdenken zuschauen. Das Mädchen, das neben dem Jungen sitzt, bricht als Erste das Schweigen. „Und woher kriegt man das Lab?“

„Ich fürchte, man muss ein Kalb schlachten, es aufschneiden, den Magen herausholen und dann das Lab herauskratzen“, erkläre ich.

„Aber das ist ja grässlich!“, ruft das Mädchen neben mir. „Wollen Sie damit sagen, dass man Babykühe tötet, nur um Käse zu machen?“

„Nun ja, nicht nur deswegen. Man tötet sie ja sowieso, wegen der Wiener Schnitzel und der Kalbsleberwurst so.“

„Ich esse nie wieder Käse! Und Leberwurst auch nicht!“

„Aber, aber, junge Frau. Ganz so schlimm ist es auch wieder nicht. Inzwischen gibt es künstlich hergestelltes Lab. Schmeckt nicht ganz so gut wie das tierische – also der Käse ‑, geht aber auch. Steht auf der Packung, ob’s tierisches oder künstliches Lab ist. Im Kleingedruckten.“

„Im Kleingedruckten“, flüstert sie.

„Ist doch praktisch“, doziere ich weiter. „Beim Honig zum Beispiel ist das anders. Den kann man nicht künstlich herstellen.“

„Honig?“, fragt sie, und ich bemerke, wie sich auf ihrem Gesicht leichte Hektikflecken bilden. „Was ist denn mit Honig?“

„Kann man nicht künstlich herstellen“, wiederhole ich, um die Spannung zu steigern. „Muss man so nehmen, wie er ist.“

„An Honig ist ja wohl nichts auszusetzen!“, sagt die junge Dame gegenüber. „Oder etwa doch?“

„Natürlich nicht. Nein, nein. Sehr gesund!“

„Also Honig, ja?“ Das ist nun wieder das Mädchen neben mir. „Die Bienen fliegen von Blüte zu Blüte, sammeln den Honig ein und bringen ihn nach Hause. Dann ernten wir ihn. So geht das doch, oder?“

„Nicht ganz“, widerspreche ich. „Das wäre ja einfach. Dann könnte ich das auch selbst machen. Wenn ich Honig haben wollte, ginge ich von Blüte zu Blüte und holte mir welchen. Leider gibt es aber keinen Honig ohne den Honigmagen der Biene.“

„Honigmagen?“

„Genau. Die Bienen sammeln die süßen Säfte von Pflanzen. Die schlucken sie, und in ihren Mägen wird dann durch allerlei chemische Prozesse der Honig daraus. Den würgen sie aus und speichern ihn in Waben. Honig ist also im Prinzip nichts anderes als Bienenkotze.“

„Bienenkotze!“, entfährt es den beiden jungen Damen im Chor.

„Manchmal fressen Bienen auch die Ausscheidungen von Blattläusen“, fahre ich ungerührt fort, „den sogenannten Meltau – übrigens nicht zu verwechseln mit Mehltau! In dem Fall ist Honig nichts anderes als von Bienen wieder ausgekotzte Blattlauskacke.“

Entsetztes Schweigen. „Kann man nicht künstlich herstellen“, fasse ich zusammen.

„Ich esse nie wieder Honig!“, ruft das Mädchen neben mir und schlägt mit beiden Fäusten auf seine Handtasche ein.

„Ich auch nicht!“, stimmt die andere zu, wirft den Kopf in den Nacken und blickt mit flackernden Augenlidern um sich. „Ich wollte sowieso Veganerin werden“, fügt sie hinzu.

„Da hätte ich auch noch was“, sage ich und versuche dabei zu grinsen wie Jack Nicholson in „The Shining“.

„Nein danke“, entscheidet der junge Mann. „Sie wollen doch nicht, dass die beiden freiwillig verhungern, oder etwa doch?“

Das will ich ganz sicher nicht. Außerdem fährt die Bahn soeben in die Haltestelle „Ebertplatz“ ein, hier müssen die drei den Zug verlassen. Die beiden Mädchen raffen sich auf und stolpern zur Tür. Der Junge fasst mich noch einmal ins Auge, möchte vorwurfsvoll blicken, schafft das aber nicht ganz. Ein leichtes Lächeln zuckt um seine Mundwinkel. Mit einem angedeuteten Kopfnicken verabschieden wir uns voneinander.

Selbstzufrieden lehne ich mich zurück. Und wieder einmal habe ich die hell lodernde Flamme der Aufklärung ins blinde Dunkel der Welt hinausgetragen. Immer im Dienste der Wahrheit! Na gut, vielleicht habe ich hier und da nicht ganz die richtigen Worte gewählt. So’n bisschen Selbstkritik ist ja auch immer nicht verkehrt – also, finde ich.

Text & Foto: -bevi

Diesen Beitrag kannst du dir vorlesen lassen (6:44):

Teilen

2 Kommentare

  1. Herrlich – und notwendig. Fast so wie: die weissen Kühe geben Milch, die braunen Kakao und die schwarzen Kaffee – und mit weissen Ecken gibt es noch Sahne dazu.

  2. Großartig! Selten so gelacht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.