Weniger ist nicht mehr. Weniger ist weniger. Aber: Wovon ist weniger besser? Und wovon gäbe es besser mehr? Und die heikelste Frage kommt zum Schluss: Wer entscheidet das?

Allerheiligen 2017 – ein Sommertag wie aus dem Bilderbuch.

Es fehlte nicht viel, und ich hätte mir beim Spaziergang um den Kalscheurer Weiher einen Sonnenbrand eingefangen. Weil ich aber noch immer nicht genug Licht, Vitamin D und sonstige Glückshormone getankt hatte, setzte ich mich auf dem Höninger Platz auf eine Bank und betrachtete das Treiben vor dem Eingang zum Südfriedhof.

Ich schwöre, da war heute mehr los als auf der Domplatte; das will was heißen. Die Toten bringen die Lebenden auf Trab.

Da ich eine kleine Weile abgelenkt war durch das völlig sinnfreie, aber höchst unterhaltsame Gebrabbel zwei Kleinstkinder, die in ihren Gefährten an mir vorübergeschoben wurden, weiß ich nicht, woher er plötzlich gekommen ist. Jedenfalls steht auf einmal dieser Mensch da und hält mit beiden Händen ein Schild hoch, auf dem nur ein Wort steht: „weniger“.

Das Schild ist gerade groß genug für diese Buchstaben sowie einen abschließenden Punkt.

Erst einmal rauche ich meine Zigarette zu Ende und schaue mir das interessiert an. Die Friedhofsbesucher, alle im Sonntagsstaat und ohne Eile, machen einen Bogen um den Mann mit dem Schild. Stutzen erst, mimisch und auch im Bewegungsfluss, und gehen dann leicht irritiert weiter.

Was soll denn das auch heißen: „weniger.“? Weniger wovon? Und warum? Außerdem ist das doch nicht normal, oder? Als Mensch will man immer mehr, das liegt doch schließlich in unserer Natur! Was will der Jeck eigentlich?

Nur ein etwa zwölfjähriges Mädchen, das mit seinem Vater daherkommt, spricht den Mann direkt an. Die beiden unterhalten sich kurz. Der Vater stellt sich schützend neben seine Tochter, entspannt sich zusehends, dann nickt er besinnlich und die beiden gehen weiter.

Weil mir klar wird, dass ich so unmöglich nach Hause gehen kann, beschließe ich, den einsamen Demonstranten selbst zu befragen. Also gehe ich hinüber, wünsche einen schönen Tag, erbitte seine Verzeihung für meine Neugier und möchte nun erfahren, was denn dieses Schild zu bedeuten habe.

Es bedeute genau das, wofür ich mich entscheiden wolle, was es bedeute, lautet die mit einem freundlichen, wenn auch leicht herben Lächeln vorgetragene Antwort.

Noch bevor ich selbst darauf entgegnen kann, fällt mir eine Dame mit Rollator ins Wort, die soeben hinzugekommen ist.

„Ist doch klar: weniger Luftverschmutzung, weniger Pestizide und dieses ganze Zeug! Sonst wird die Natur immer weniger!“

„Auch die Bäume werden immer weniger!“, ergänzt ein stattlicher Herr in den Vierzigern, der sich nun ebenfalls zu uns gesellt hat. „Bei uns in der Südstadt, an der Bonner Straße, wollen die alle Bäume plattmachen nur für diese scheiß U-Bahn, die kein Mensch braucht!“

„Weniger Vögel und weniger Insekten“, nickt eine zweite Dame. „Ich habe diesen Sommer kaum irgendwelche Insekten auf meinem Balkon gehabt.“

„Und dieses scheiß Glyphosat hat die EU-Kommission jetzt auch wieder durchgewunken“, informiert uns der Herr aus der Südstadt. „Das ist unglaublich! Jeder weiß, was für ein Scheiß das ist. Aber wenn es um die Milliardengewinne von Monsanto und Bayer und Konsorten geht, dann ist alles andere scheißegal!“

Im weiteren Verlauf der angeregten Unterhaltung lerne ich, dass RWE inzwischen derartig viel Kohle aus dem Heimatboden buddelt, dass diese nun sogar schon ins Ausland exportiert werden soll, viele Balkonbesitzer die Vögel inzwischen auch im Sommer füttern, wir Menschen überhaupt gerade dabei sind, den gesamten Planeten Erde zu verwüsten und alle Anwesenden – mich selbst eingeschlossen! – das schon immer gewusst und angeprangert haben.

Fazit: weniger von allem! Weniger Verschwendung der natürlichen Ressourcen in allen Lebensbereichen! Weniger Ausbeutung! Weniger Unterdrückung! Das ist unsere einzige Rettung!

Als es gerade anfing, langweilig zu werden, flanierte ein Ehepaar an unserer Gruppe vorüber: sehr gut genährt, gemessenen Schrittes, rote Gesichter, vermutlich der Blutdruck.

„Weniger wovon?“, fragte der Mann den Schildhalter im Weitergehen.

„Was immer Ihnen dazu einfällt!“

„Ja dann ist ja alles klar!“

Schweigend sahen wir den beiden hinterher.

„Und was fällt dir dazu ein?“, hörten wir die Frau ihrem Gatten zuraunen.

„Flüchtlinge natürlich“, gab der zurück. „Gibt viel zu viel von dem Gesocks, muss weniger werden. Die glauben wohl, wir haben hier das Paradies auf Erden!“

Tja, dachte ich, vielleicht haben die Flüchtlinge damit ja gar nicht mal so unrecht.

Text & Foto: -bevi

 

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