Von einer atheistischen jüdischen Philosophin und Frauenrechtlerin zur Karmelitin, katholischen Heiligen und „Patronin Europas“: Edith Steins bewegtes Leben vereint scheinbar Gegensätze und wirkt auf den ersten Blick zerrissen. Heute ist Edith Stein eine der bedeutendsten Glaubenslehrerinnen der katholischen Kirche. In Köln ist sie keine Berühmtheit, aber vergessen hat man sie auch nicht. 

Ein Porträt von Bernd Vielhaber

Kölner Stadtschreiber: Gedenktafel Edith Stein hochBei meinen Streifzügen durch Köln stoße ich immer wieder völlig unerwartet auf Gedenktafeln, die an Personen erinnern, von denen ich zuvor noch niemals etwas gehört habe. So erging es mir auch mit der auf dem Foto abgebildeten, die mir ins Auge fiel, nachdem ich in einem Café an der Dürener Straße im Stadtteil Lindenthal einen Cappuccino zu mir genommen hatte und meinen Weg fortsetzen wollte. Sie ist an der Fassade des Hauses mit der Nummer 89 angebracht und Edith Stein gewidmet.

Darauf steht: „Erinnere dich – Vergiss es nicht / Im Gedenken an Edith Stein / Jüdin – Philosophin – Pädagogin – Karmelitin – Märtyrin / Ermordet in Auschwitz-Birkenau am 9. August 1942 / Lebte vom 14.10.1933 bis 31.12.1938 im Karmel Köln-Lindental / Dürener Str. 89 / Pfarre Christi Auferstehung / Am 1.5.1987 von Papst Joh. Paul II seliggesprochen in Köln“

Darüber wollte ich mehr erfahren. Und das ist es, was ich herausgefunden habe:

Einfühlung – Theorie und Praxis

Edith Stein wird im Jahr 1891in Breslau als jüngstes Kind einer jüdisch-orthodoxen Familie geboren – am 12. Oktober, dem jüdischen Versöhnungstag Jom Kippur. Der Vater, Betreiber eines Holzhandels, stirbt schon früh, als Edith gerade einmal ein Jahr alt ist. Ihrer strenggläubigen Mutter Auguste gelingt es dennoch, all ihren Kindern eine bemerkenswerte Bildung zu finanzieren, indem sie das Holzgeschäft mit Erfolg weiterführt.

Zwar muss die hoch begabte Edith im Jahr 1906 ihre schulische Laufbahn unterbrechen, um ihrer ältesten Schwester Else in Hamburg mit deren Kindern zu helfen. 1908 jedoch kann sie sie fortsetzen und mit einem hervorragenden Abitur abschließen. Den Glauben an den jüdischen Gott, der ihr von der Mutter abverlangt wird, lehnt sie ab. Es ist überliefert, dass sie sich zu dieser Zeit selbst als Atheistin ausgibt.

Zwischen 1911 und 1913 belegt Stein die Fächer Psychologie, Germanistik, Geschichte und Philosophie an der Universität zu Breslau. 1913 wechselt sie nach Göttingen, um sich unter der Obhut ihres Mentors Edmund Husserl, des Begründers der Phänomenologie, ihrem philosophischen Lebensthema zu verschreiben: der „Einfühlung“, also dem Erleben eines anderen Menschen.

Kölner Stadtschreiber: Porträt Edith Stein als junge Frau

Als junge Frau

Auch diese Ausbildung wird unterbrochen, Ursache ist diesmal der Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Gleich nach dem Staatsexamen meldet Stein sich in Breslau beim Roten Kreuz und arbeitet daraufhin bis 1915 in einem Seuchenlazarett. Dort erhält sie reichhaltig Gelegenheit, ihre philosophischen Ansichten zu praktizieren. Anschließend setzt sie ihre wissenschaftliche Ausbildung fort und legt 1916 eine Doktorarbeit vor, die den Titel „Zum Problem der Einfühlung“ trägt und das Thema aus erkenntnistheoretischem, pädagogischem, ontologischem, staatsrechtlichem und theologischem Blickwinkel untersucht.

Ein großes Talent wird gedemütigt

Husserl, ihr Doktorvater, versieht die Arbeit mit dem Prädikat „summa cum laude“. Eine solche Bewertung ist eigentlich Habilitationskandidaten vorbehalten, solchen Doktoranden also, die für eine Lehrberechtigung an einer Hochschule vorgeschlagen werden. Genau dies jedoch wird der Stein rundweg verweigert. Einziger Grund: Sie ist eine Frau. Und eine Frau lehrt zu jener Zeit nicht an einer deutschen Hochschule ‑ Ende der Durchsage. Diese Tatsache, die für die selbstbewusste junge Frau gegen jede Vernunft steht, wird zu einem prägenden Motiv in ihrem Leben. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der Umstand, dass Stein sich daraufhin nicht von Husserl abwendet, sondern sogar für ihn bis 1918 als Privatassistentin arbeitet.

1918 tritt sie der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei bei und beginnt mit der Entwicklung einer femininen Anthropologie, die der weiblichen Natur eine auf Ganzheitlichkeit gerichtete Erkenntnisweise zuspricht – im Unterschied zur männlichen, die in ihrer Vorgehensweise als zergliedernd definiert wird.

Kölner Stadtschreiber: Porträt Edith Stein auf Stuhl

Das Gefühl der Zurückweisung, das ihr durch die Verweigerung der Habilitation entstanden ist, wird in den Jahren 1917 bis 1921 durch weitere Misserfolge und Schicksalsschläge verstärkt. 1917 stirbt der Phänomenologe Adolf Reinach (*1883), dem sie in Freundschaft verbunden war. Dies bringt sie in eine Krise, von der sie selbst sagt, dass sie schon „lange vorbereitet“ war. Weitere Habilitationsversuche scheitern an der Borniertheit einer Gesellschaft, die den Frauen verweigert, ihre Fähigkeiten in einem selbst gewählten Beruf zu entwickeln und auszuleben, so wie es für Männer selbstverständlich ist. An der Universität Göttingen lehnt man 1919 ihre HabilitationsschriftPsychische Kausalität“ ab. Auch in Freiburg und Breslau, wo sie sich mit der ontologischen Abhandlung „Potenz und Akt“ bewirbt, weist man ihr Ansuchen zurück.

Hinzu kommen zwei weitere Rückschläge, diesmal sind es unglückliche Lieben. Nacheinander scheitern Beziehungen zu Männern, mit denen Stein Heiratsabsichten verbunden hatte: Roman Ingarden und Hans Lipps, beides Philosophenfreunde. Damals notiert sie: „Eine Erfahrung, die meine Kräfte überstieg, meine geistige Lebenskraft völlig aufgezehrt und mich aller Aktivität beraubt hat.“

Die Philosophin trifft die Entscheidung zum Glauben

Kölner Stadtschreiber: Porträt Edith Stein als Lehrerin

Edith Stein als Lehrerin

Edith Stein rettet sich aus dieser Lebenskrise, indem sie sich Gott zuwendet. „Ich habe mich mehr und mehr zu einem positiven Christentum durchgerungen“, schreibt sie. „Das hat mich von dem Leiden befreit, das mich niedergeworfen hatte, und hat mir zugleich die Kraft gegeben, das Leben aufs Neue und dankbar anzunehmen.“

Es klingt ein wenig wie eine Notlösung.

Hier geht ein Riss durch das Leben der Edith Stein. Ein Motiv, das der Bildhauer Bert Gerresheim in seiner Skulptur von 1999 sehr deutlich zum Ausdruck gebracht hat (siehe Aufmacher-Foto). Die in all ihren Einzelheiten sehr sehenswerte Plastik befindet sich in Köln auf dem Kardinal-Frings-Platz, gleich vor dem Priesterseminar der Erzdiözese.

Der christliche Glaube hilft Edith Stein, ihr berufliches Scheitern und ihre unerwiderten Lieben zu verarbeiten. In einem Brief an Roman Imgarden nennt sie ihren Weg ins Christentum eine „Wiedergeburt aus Zerstörung“.

Die intensive Beschäftigung mit den Schriften der Kirchenlehrerin Teresa von Ávila (1515-1582), insbesondere mit deren Autobiografie, markiert diesen Wendepunkt in Edith Steins Leben. Auch Teresa hatte die Befreiung aus einer Krise in „ein neues Leben“ einer „Zweiten Bekehrung“, einer spirituellen Erfahrung, zu verdanken. Am 1. Januar 1922 lässt sich die inzwischen Dreißigjährige Stein im rheinland-pfälzischen Bad Bergzabern taufen und wird dadurch Mitglied der katholischen Kirche. Bewusst hat sie dafür einen jüdischen Feiertag gewählt, das „Fest der Beschneidung des Herrn“. Dadurch beabsichtigt sie, ihre jüdischen Wurzeln mit denen ihres neuen Glaubens zu verbinden.

Kölner Stadtschreiber: Porträt Edith Stein mit Hut

Undatierte Aufnahme von Edith Stein

Sie will sich jedoch nicht aus der Welt zurückziehen, sondern in ihr wirken, und zwar durch ein konsequentes Leben – ganz im Sinne der heiligen Teresa. 1923 verlegt sie ihren Lebensmittelpunkt in die Pfalz und arbeitet dort bis 1931 als Lehrerin für Geschichte und Deutsch am Lyzeum der Dominikanerinnen von St. Magdalena in Speyer. 1932 geht Dr. phil. Edith Stein nach Münster, wo sie am katholischen Institut für wissenschaftliche Pädagogik als Dozentin für Pädagogik, Philosophie und Psychologie lehrt und unter anderem Vorträge zur Emanzipation der Frauen hält.

Judenverfolgung und christliches Martyrium

Nach der Regierungsübernahme der Nationalsozialisten gibt Stein dem Druck der neuen Machthaber nach und legt ihre Dozententätigkeit in Münster nieder. Der Brief, den sie Mitte April 1933 an Papst Pius XI. mit der Bitte um ein offenes Wort der Mutter Kirche richtet, bleibt unbeantwortet. Der Papst setzt auf das Reichskonkordat mit Hitler. Edith Stein verwirklicht nun ihren lange gehegten Wunsch und tritt als Ordensfrau unter dem Namen „Teresia Benedicta a Cruce“ („die vom Kreuz Gesegnete“) in den Karmel Teresa von Avilas ein. Köln ist nun ihr neues Zuhause, sie lebt in Lindenthal, genauer im Kloster St. Josef, und führt dort die Arbeit an ihren philosophischen Schriften fort.

Kölner Stadtschreiber: Porträt Edith Stein als Nonne

Edith Stein um 1938/39

Hier entsteht ihr Hauptwerk „Endliches und ewiges Sein“, für das sie die Gedanken, die sie in „Potenz und Akt“ entwickelte, um eine Auseinandersetzung mit Erkenntnissen von Aristoteles, Augustinus und Thomas von Aquin erweitert. Es geht ihr um nicht weniger als darum, ein Verständnis vom Sein zu entwerfen, das mehr umfasst als Heideggers Begriff vom „Sein zum Tode“, bei dem der Tod die letzte Möglichkeit darstellt, nach dem es keine Möglichkeiten mehr gibt. Sie beendet die Arbeit daran im Jahr 1936.

Als die Judenverfolgung in Deutschland in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 ihren vorläufigen Höhepunkt findet, sucht Edith Stein beim Kölner Karmel um eine Verlegung in ein anderes Kloster nach, da sie ihre Mitschwestern nicht in Gefahr bringen möchte. Am 31. Dezember 1938 verlässt sie Köln. Mit ihr geht ihre Schwester Rosa, die im neuen Karmel eine Anstellung als Bedienstete in Aussicht hat. Zunächst glaubt Stein sich im holländischen Echt in Sicherheit, doch bereits im Mai 1940 besetzt die deutsche Wehrmacht die Niederlande und errichtet auch dort die nationalsozialistische Terrorherrschaft. Stein wird als katholische Jüdin amtlich registriert.

In Echt, von 1941 bis zu ihrem Tod, verfasst Edith Stein ihre letzte philosophische Schrift, die „Kreuzeswissenschaft“, eine christlich-mystische Lehre von Hingabe und Leiden. Nun geht es ihr nur noch darum, sich auf Gott zu zu bewegen. Sie beschwört einen Weg, auf dem ein Mensch keine Dinge mehr um sich herum braucht, auf dem die Dinge, bis hin zum eigenen Leib, nur hinderlich sind.

Die letzte aller Möglichkeiten überwinden

Als Racheaktion für einen Hirtenbrief gegen das Vorgehen der deutschen Besatzer gegen die Juden, den Johannes de Jong, der katholische Erzbischof von Utrecht, am 26. Juli 1942 veröffentlicht, treiben die Nazis alle zum christlichen Glauben konvertierten Juden zusammen und deportieren sie nach Osten.

Historisch nicht belegt ist der Bericht, nach dem Stein ihre ausschließlich persönliche Rettung ablehnt. Zu ihrer Schwester, die mit ihr in den Tod geht, soll sie gesagt haben: „Komm, wir gehen für unser Volk.“

Edith Stein wird zuletzt am Bahnhof Schifferstadt gesehen, wo der Transport am 7. August einen kurzen Zwischenstopp einlegt. Es gibt keinerlei handfeste historische Belege für die immerhin sehr starke Vermutung, dass ihr Weg am 9. August 1942 in einer Gaskammer des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau endet.

Es ist, als fügte sie sich in der Gewissheit in ihr Schicksal, dass nun ein Martyrium nötig ist, um ihr Sein über den Tod, über die von Heidegger behauptete letzte aller Möglichkeiten hinaus zu Gott, mithin zum Leben selbst zu führen. Dies wäre dann nicht nur ein religiöser, sondern auch ein philosophisch-ontologischer Coup, der Höhepunkt ihres Wirkens in der Welt.

Man könnte auch ein wenig respektlos behaupten, sie habe damit allen, die sie zurückgewiesen haben, ein Schnippchen geschlagen.

Edith Stein: ein radikal konsequentes Leben

Heute ist Edith Stein eine der bedeutendsten Glaubenslehrerinnen der katholischen Kirche. Ist das nicht weitaus mehr als eine Habilitation in der Pfalz – oder wo auch immer auf der Welt? Mit außerordentlichem Talent und bewundernswerter Beharrlichkeit hat Edith Stein sich über das erhoben, was sie von sich selbst verlangt hat: ein radikal konsequentes Leben, dessen Möglichkeiten mit dem Tod nicht enden. Papst Johannes Paul II. spricht sie am 1. Mai 1987 als Märtyrerin selig, am 11. Oktober 1998 erhebt er sie in den Stand einer Heiligen.

8. August 2017

Hier findest du weiterführende Informationen

Kölner Stadtschreiber: Edith Stein Denkmal Totale hochOnline:

Eine umfassende Biografie mit Bildern (inkl. geistlicher Musik):
Edith-Stein-Stiftung Köln

Lebenschronik auf einen Blick:
Edith-Stein-Gesellschaft Deutschland

Edith Steins Werk als Gesamtausgabe:
Edith-Stein-Archiv

Offline:

Freienstein, Peter: Sinn verstehen. Die Philosophie Edith Steins, London 2007.
Gerl-Falkovitz, Hanna-Barbara: Unerbittliches Licht. Edith Stein – Philosophie, Mystik, Leben, Mainz 1991.
Gottlöber, Susan: Edith Stein, Teresa Benedicta a Cruce (1891-1942), Philosophin, in: Rheinische Lebensbilder 19 (2013), S. 283-308.
Kloeden, Wolfdietrich von: „Stein, Edith“, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 15 (1999), Sp. 1318-1340.
Müller, Andreas Uwe: Grundzüge der Religionsphilosophie Edith Steins, Freiburg (Breisgau) 1993.
Schulz, Peter: Edith Steins Theorie der Person. Von der Bewußtseinsphilosophie zur Geistmetaphysik, Freiburg (Breisgau) 1994.

 

 

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