PORTRÄT.  Gottfried Hagen war unter anderem Schulmeister, Rechtsgelehrter, Dechant und nicht zuletzt Stadtschreiber von Köln. Mit seiner berühmten „Reimchronik“, die als Meilenstein in der Kölner Literaturgeschichte gilt, hat er vielleicht mehr als jeder andere das Bild geprägt, das die Welt von Köln und die Kölschen von sich und ihrer Stadt haben.

Was ist eigentlich ein Stadtschreiber?

Wer auf die Idee kommt, seinen Blog „Kölner Stadtschreiber“ zu nennen (siehe „Gibt’s das? Das wär’s!“), erkundigt sich natürlich vorher, ob diese wunderbare Bezeichnung überhaupt noch zu haben ist.

Da stellen wir uns erst mal ganz dumm und fragen: „Was ist das eigentlich, ein Stadtschreiber?“

Der Stadtschreiber als Rechtsgelehrter und Delegationsleiter

Zum Ersten ist „Stadtschreiber“ die Bezeichnung für einen Beruf, den es in Deutschland schon lange nicht mehr gibt.

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war die Stelle eines Stadtschreibers mit hohem Ansehen und Einfluss verbunden. Nicht wenige der Amtsinhaber waren für ihre jeweiligen Städte wichtiger als etwa die meist nur kurze Zeit regierenden Bürgermeister.

Der Job bestand darin, als umfassend ausgebildeter Rechtsgelehrter im Namen der Stadt bei politischen Verhandlungen und als Bevollmächtigter in Gerichtsprozessen aufzutreten und in der Zwischenzeit sämtliche Papiere in Ordnung zu halten.

Der Stadtschreiber hatte die komplette Übersicht über die rechtlichen Regelungen zwischen seiner Stadt und allen anderen Herrschern, die mit ihr zu tun hatten. Da kam was zusammen: Fürsten, Bischöfe, der Kaiser, der Papst. Bei der Mafia heißt der Beruf Consigliere. Das ist ein Anwalt mit nur einem Mandanten ‑ sehr wichtig für die Familie.

Wie gut, dass ich damit nichts am Hut habe. Heute wird das von anderen Organen geregelt. In der Schweiz gibt es allerdings noch Stadtschreiber, dort werden sie auch als Gemeinde- oder Staatsschreiber bezeichnet.

Kost und Logis frei: der Literaturpreis

Zum Zweiten bezeichnet „Stadtschreiber“ einen Literaturpreis, den einige Städte vergeben. Die ursprüngliche Idee hatte der Schriftsteller Franz Joseph Schneider, der ein Gründungsmitglied der „Gruppe 47“ war. Das „Amt“ als Stadtschreiber sollte es freien Schriftstellern ermöglichen, ein Jahr lang frei von Geldsorgen und sonstigen Verpflichtungen ihrem Schaffen nachzugehen.

Im Städtchen Bergen-Enkheim, das bald darauf nach Frankfurt eingemeindet wurde, gab es 1974 den ersten Stadtschreiber dieser Art. Etliche Städte ließen sich hiervon inspirieren. In der Regel ist das Ehrenamt mit einem kurzbefristeten Stipendium und freier Logis verbunden. Ganz witzig also, aber eben nichts für die Dauer.

Auf der Liste der Städte, die sich hin und wieder einen solchen Stadtschreiber leisten, stehen Mainz, Dresden, Erfurt, Gotha und Halle. Auch in Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und in Belgien wird dieser Preis verliehen. Auf Sylt gibt es übrigens das Pendant des „Inselschreibers“, was ich für eine Urlaubssaison durchaus in Erwägung ziehen würde.

Aber Köln hat so etwas noch nie gemacht. Freie Bahn also!

Meine Vorstellung vom Stadtschreiber: lecker essen und spazieren gehen

Zum Dritten ist „Stadtschreiber“ der Name einer Gaststätte im schönen Troisdorf, die ich im Zuge der Recherche für diesen Beitrag gern einmal aufgesucht hätte. Leider hat dieses Etablissement jedoch Öffnungszeiten, die mit dem Biorhythmus eines bald Sechzigjährigen, der zudem mit der Bahn aus Köln an- und auch wieder abreisen müsste, nur bedingt kompatibel sind.

Den Bewertungen im Netz zufolge soll man dort aber nicht nur gut absacken, sondern auch lecker essen können. Vielleicht ergibt sich irgendwann einmal die Gelegenheit.

Der Name „Kölner Stadtschreiber“ war also rechtefrei, da habe ich ihn mir einfach genommen. Natürlich nur leihweise. Es wäre also besser zu sagen, dass ich ihn mir verliehen habe.

Kanzleivorsteher, Literaturpreisträger, ein Pub, der von 18-3 Uhr geöffnet hat ‑ nichts von alledem trifft auf das zu, was ich mir darunter vorgestellt habe, als ich die Idee zu diesem Blog hatte. Die Vorstellung nach dem Ende meiner Laufbahn im Verlagswesen war, den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen, mit wachen Augen durch die Stadt zu spazieren und aufzuschreiben, was mir dessen wert erschien.

Jetzt ist es natürlich zu spät, aber es könnte sein, dass „Kölner Stadtstreicher“ die treffendere Bezeichnung gewesen wäre. Obwohl: So wirklich schön klingt das ja auch wieder nicht. Da schwingt doch irgendwie die Zweitüberschrift „Unter den Brücken der Stadt“ mit – oder?

Sei’s drum. Der erste bin ich ganz sicher nicht. Von der Sorte Consigliere hat es im Mittelalter in Köln schon einige gegeben. Und einer sticht ganz besonders hervor, da sein Schaffen die Kölner Ideologie bis in die Gegenwart hinein geprägt hat.

Endlich ist die Zeit gekommen, über Meister Godefrit zu sprechen, den bislang bedeutendsten Kölner Stadtschreiber. Wer weiß? Vielleicht finden sich ja ein paar Gemeinsamkeiten zwischen Gottfried aus Xanten und Bernd aus dem Sauerland.

Teil 2: O Felix Agrippina Nobilis Romanorum Colonia

Teil 3: Das „Boich van der stede Colne“

Text & Foto: -bevi

 

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