PORTRÄT. Robert Blum, geboren und aufgewachsen am Fischmarkt in Köln, war einer der bedeutendsten Vorkämpfer für ein Parlament frei gewählter Volksvertreter. Er gehört zu den historischen Persönlichkeiten, die ihr Leben opferten für eine Welt, in der ein Mensch ohne Herrschaft eines anderen über sich selbst bestimmen darf. In den Geschichtsbüchern steht sein Name für Freiheit und Demokratie. In Köln kennt kaum einer seinen Namen.

In Köln gibt es viele Gedenktafeln, an den meisten davon geht man achtlos vorbei. Das liegt nicht selten daran, dass sie sich durch geschickte Tarnung den Blicken der Passanten entziehen. Diese hier, die eine friedliche Symbiose mit dem Mauerbewuchs eingegangen ist, findet sich in der Kölner Altstadt, und zwar am Fischmarkt, unterhalb von Groß St. Martin.

Darauf steht: „Robert Blum / geboren an dieser Staette am 10 November 1807 / Erschossen zu Wien am 9 November 1848 / Ich sterbe für die deutsche Freiheit / für die ich gekämpft / Möge das Vaterland / meiner eingedenk sein“

Robert Blum? Nie gehört, den Namen. Oder warte mal: Da gibt es doch ein Sträßchen in Lindenthal mit diesem Namen, ganz in der Nähe des St.-Elisabeth-Krankenhauses. Es verbindet die Bachemer Straße und die Virchowstraße miteinander, die nahe beieinander parallel verlaufen. Gemessen an der Größe dieses Pflasters kann Robert Blum ja nichts Besonderes gewesen sein. Oder etwa doch?

Vom Fischmarkt auf die Bretter, die die Welt bedeuten

Als Robert Blum am 10. November 1807 dort geboren wird, wo heute seine Gedenktafel hängt, heißt der Fischmarkt nicht nur so, sondern er ist wirklich noch einer. Aufgewachsen unter schwierigsten sozialen Bedingungen als Sohn eines Lagerhausschreibers, muss Robert seine eigentlich vielversprechende Schullaufbahn aus finanzieller Not vorzeitig beenden.

Diese Erfahrung formt seine Persönlichkeit und seinen weiteren Lebensweg zutiefst. Er wird Handwerksgeselle und lernt als Handlungsreisender für den Laternenfabrikanten J. W. Schmitz die deutschen Lande kennen, die zu dieser Zeit noch aus einem losen Verbund selbstherrlicher Fürsten- und Herzogtümer bestehen.

Weil er jedoch nicht nur begabt, sondern auch bemerkenswert ehrgeizig ist, betreibt Blum unablässig autodidaktische Studien zur Fortbildung. Die dabei gewonnenen Kenntnisse und Fertigkeiten, vor allem als Redner, ermöglichen ihm seinen weiteren gesellschaftlichen Aufstieg. Als die Laternenfabrik Schmitz ihn 1830 aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr halten kann, heuert Blum beim Theater an: zunächst in Köln, dann in Leipzig.

Dort, in der sächsischen Kulturhauptstadt, startet er seine Karriere als politischer Schriftsteller. Aus seiner Feder stammen eine Hymne über den polnischen Freiheitskampf, Gedichte, Schauspiele und auch ein Opernlibretto für Albert Lortzing. Die Oper sollte allerdings niemals aufgeführt werden. Seine literarischen Bemühungen stoßen bereits damals auf ein eher geteiltes Echo.

Blum nimmt Fahrt auf

Unbestritten jedoch ist Blums außergewöhnliches Talent als Redner und Verfechter der in linken Kreisen modisch werdenden bürgerlichen Rechte. Diese vertritt er mit umso größerer Leidenschaft, als er doch selbst ein lebendes Beispiel dafür ist, dass ein Mann sich aus seinen sozialen Fesseln befreien und über das Milieu seiner Geburt erheben kann – wenn man ihn nur lässt. Seine ganze Feindschaft gilt daher den Unterdrückern. Und von denen gibt es genug in dem Gebilde, das sich zu jener Zeit „Deutscher Bund“ nennt. Schon bald werden sie auf den kölschen Unruhestifter aufmerksam.

So kommt es, dass Blum als Redakteur und Herausgeber linker Blätter in Haft genommen wird. Die Anklage lautet auf „umstürzlerische Tendenzen“. Während seines zwölftägigen Gefängnisaufenthaltes schreibt er in einem Brief an seine Schwester Margarete die berühmte Sentenz: „Es hätte nie ein Christentum u. eine Reformation u. keine Staatsrevolution u. überhaupt nichts Großes u. Gutes gegeben, wenn jeder stets gedacht hätte: ‚Du änderst doch nichts!‘“

Robert Blum – Idealist und Pragmatiker

In den folgenden Jahren, bis zu seiner Hinrichtung in Wien, wirft Blum all seine Kraft in den Dienst der höheren Sache. Sein Ruhm wächst, und seine Strahlkraft geht weit über die Grenzen der Herzogtümer und Fürstenreiche des Deutschen Bundes hinaus. Blum ruft politische Vereinigungen ins Leben, organisiert Versammlungen und trifft im berüchtigten „Hallgarten-Kreis“ bei Geheimtreffen mit den führenden Denkern der deutschen Freiheitsbewegung zusammen. Er bereitet den Umsturz des politischen Establishments vor.

1845 schließt Blum sich der deutsch-katholischen Bewegung an. 1848 tritt er im Kielwasser der Pariser Februarrevolution auf den Balkon des Leipziger Rathauses vor eine jubelnde Menschenmenge und fordert nicht weniger als die Absetzung der sächsischen Regierung sowie die Durchführung freier Wahlen. Im selben Jahr schreibt er als Führer der Linken in der Frankfurter Paulskirche an der ersten deutschen demokratischen Verfassung mit. Der Junge vom Kölner Fischmarkt hat es weit gebracht.

Der Kampf gegen die Windmühlen der Macht

Blum muss sich nun mit jenen auseinandersetzen, die die Geburt der Republik mit Gewalt außerhalb der Paulskirche erzwingen wollen. Das fällt ihm nicht allzu leicht, versetzen ihn die Kräfte der Reaktion doch zunehmend selbst in Rage.

Im Oktober seines Schicksalsjahres brechen in Wien Aufstände aus. Blum wird von der Nationalversammlung mit einer offiziellen Sympathie-Note dorthin geschickt, kann vor Ort aber nicht an sich halten und beteiligt sich nicht nur an den gewaltsamen Auseinandersetzungen, sondern übernimmt als Kommandeur die Führung des Freiheitskampfes.

Das soll ihm zum Verhängnis werden. Nach der Bezwingung der Aufständischen durch die kaiserlichen Brigaden wird Blum in einem nur zweistündigen Prozess zum Tod verurteilt und gleich am nächsten Tag um neun Uhr morgens standrechtlich erschossen. Er hat gerade noch Zeit, seiner Frau einen bewegenden Abschiedsbrief zu schreiben. Es ist der 9. November 1848.

Verblassende Erinnerung

Da Blum, nicht zuletzt wegen seiner volkstümlichen Herkunft, bei den einfachen Menschen äußerst beliebt ist, bricht nach dem Bekanntwerden seiner Ermordung ein Orkan von Trauer und Wut aus. Aber gegen die waffenklirrende Macht der Herrschenden ist vorerst nichts auszurichten.

Zwar geht Blum zunächst als Märtyrer in das kollektive Gedächtnis der Massen ein, in den Wirren der darauf folgenden Weltereignisse verlischt sein Bild jedoch immer mehr. Noch lange hält sich die Redewendung „Erschossen sein wie Robert Blum“. Sie wird verwendet, wenn sich jemand völlig erschöpft fühlt und „am Ende“ ist.

Robert Blum war einer der bedeutendsten  Vorkämpfer für unser heutiges politisches System eines ständig tagenden Parlaments frei gewählter Volksvertreter. Er gehört zu den historischen Persönlichkeiten, die ihr Leben opferten für eine Welt, in der ein Mensch ohne Herrschaft eines anderen über sich selbst bestimmen darf. In den Geschichtsbüchern steht sein Name für Freiheit und Demokratie.

In Köln ist nicht mehr von ihm geblieben als eine von Blattwerk überwucherte Gedenktafel am heutigen Fischmarkt sowie ein unbedeutendes Sträßchen im Stadtteil Lindenthal.

Text & Foto: -bevi

 

Ein weiteres zeitgenössisches Gedicht, in dem der Tod von Robert Blum betrauert wird, kannst du hier lesen und dir vorlesen lassen:
„Lied vom Robert Blum“ (1849), Gedicht von Ludwig Pfau (1821-1894)

 

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