Aus Gründen, die hier nichts zur Sache tun, wollte ich die Tage mal wieder zur Groov – also nach Porz, auf die Schäl Sick. Mein Plan stand fest: In Zollstock am Höninger Platz in die Straßenbahnlinie 12 einchecken, Fahrt bis zum Rudolfplatz, da umsteigen in die Linie 7 und von der Endstation in Zündorf aus den Rest des Weges zu Fuß. Kein Problem, dachte ich. Gutes Stündchen, dann bin ich da.

Es stellte sich heraus, dass es eine technische Störung im Bereich Barbarossaplatz gab, so dass die nächste Bahn der Linie 12 erst in 23 Minuten abfahren würde. Aktuell standen beide Gleise der Station leer, der Bahnsteig selbst war dafür umso voller. Erst dachte ich, was ich in solchen Situationen immer denke: Was soll denn der Scheiß schon wieder?

Doch dann wurde mir klar, dass es sich ganz entschieden um eine vom Schicksal gebotene Chance handelte, endlich wieder mal sinnlos Zeit zu verplempern. Also setzte ich mich auf eine der Bänke, rauchte eine Zigarette und ließ meinen Gedanken freien Lauf.

Sogleich fuhr eine Bahn auf Gleis 1 ein. Automatisch blickte ich auf die elektronische Anzeigetafel. Die Laufschrift darauf verkündete, dass die Störung behoben sei. Nun sei man bestrebt, die Bahnen baldmöglichst wieder im planmäßigen Takt fahren zu lassen.

Als gerade alle Fahrgäste einstiegen, bog schon der nächste Zug in die Station ein und parkte auf Gleis 2. Der Knoten war also geplatzt. Alle richteten sich auf ihren üblichen Plätzen ein – ein Privileg der Starthaltestellen-Einsteiger. Inzwischen kenne ich die üblichen Gesichter, wir alle suchen uns stets denselben Platz in der Bahn.

Wehe, wenn …!

Nach einigen Minuten Wartezeit wurde ich gewahr, dass die Fahrerkabine unseres Zuges noch immer nicht besetzt war. Die der Bahn auf dem gegenüberliegenden Gleis hingegen war bereits von einem dynamisch wirkenden jungen Mann in Beschlag genommen worden. Dem Anschein nach bereitete er seinen Zug auf die Abfahrt vor.

Jetzt kommt bestimmt eine Durchsage, dachte ich. Es kam aber keine.

Ich stand auf, öffnete die Tür und sah hinaus auf die elektronische Anzeigetafel: Dort stand, dass die Bahn auf Gleis 2 als nächste abfahren würde, und zwar in drei Minuten. Also ging ich hinüber, enterte den Zug und fragte den Fahrer, ob es stimmte, was dort geschrieben stand. Das wisse er nicht, war die Antwort, er halte es aber durchaus für möglich. Er warte auf Anweisungen aus der Leitstelle.

Ich baute mich vor meinem üblichen Platz auf und sah zu der anderen Bahn hinüber. Dort starrten mich alle Leute gebannt an.

Ich weiß ja nicht, überlegte ich, ob die Bahn, in der ich mich jetzt als einziger Fahrgast befinde, tatsächlich gleich losfährt. Und wie auch? Nicht einmal der Fahrer weiß es. Wenn ich jetzt also den Leuten dort drüben winke und ein Zeichen gebe, dass sie alle herüberkommen sollen, und dann fährt die Bahn ab, die sie meines Zeichens wegen soeben verlassen haben, dann werde ich gelyncht.

Da ich nicht bereit war, dieses Risiko einzugehen, beschloss ich, es so zu sehen, dass das Verhalten all dieser mehr oder weniger Fremden nicht mein Problem war. Ich würde der einzigen Beteiligten, die etwas zu wissen vorgab (der elektronischen Anzeigetafel), mein Vertrauen schenken. Achselzuckend setzte ich mich.

Augenblicklich kam Bewegung in die Meute gegenüber. In kurzer Folge öffneten sich sämtliche Türen der Bahn auf Gleis 1 und alle Fahrgäste strömten über den Bahnsteig in den Zug, in dem ich mich befand. Die meisten kopfschüttelnd, einige verhalten fluchend.

Ein etwas sehr älterer Herr, dessen Äußeres eine nationalsozialistische Gesinnung zumindest mutmaßlich erscheinen ließ, blieb im Eingang stehen, hielt sich an einer Stange fest und fixierte mich. „Wehe“, schien sein Blick zu sagen, „wehe, wenn …!“

Dann fuhren wir los, und mir fiel ein zentnerschwerer Stein vom Herzen.

Ich bin, weil ich mich ärgere!

Im weiteren Verlauf der Fahrt entspannte ich mich wieder. Eine Störung ist eine Störung, dachte ich, das kann alle möglichen Gründe haben. Eine Störung kommt eben immer mal wieder vor, überall. Das muss nicht einmal zwingend die Schuld der Kölner Verkehrsbetriebe sein, obwohl die bekanntlich ja doch für alles Schlechte die Verantwortung tragen.

Und wie das so ist, wenn der Fahrplan aus dem Takt geraten ist, war es auch an diesem Tag wieder: An jeder Station warteten dreimal so viele Menschen wie üblich, von denen ein jeder so schnell wie möglich von A nach B wollte, nein: musste! Und alle quetschten sich hinein, egal wie lange das dauerte. Offensichtlich betrachtete es ein jeder der Wartenden als sein ureigenes, unumstößliches Recht, diese spezielle Bahn als sein persönliches Transportmittel in Anspruch zu nehmen.

Da halfen auch die geduldigen Durchsagen unseres charmanten Fahrers wenig, dass direkt hinter uns die nächste ‑ eine leere! – Bahn komme. Nein, es musste diese sein! Und so war unser Zug schon an der zweiten Station so voll, dass sich die Türen kaum noch schlossen. Das Gemurre wurde lauter:

„Scheiß KVB! Immer dasselbe!“

„Die können nix! Aber auch rein gar nix!“

„Kölner Verbrecher-Bande!“

Also stieg ich an der Haltestelle „Gottesweg“ wieder aus und wartete auf die nächste Bahn. Diesmal tat es mir keiner gleich.

Was wären wir bloß ohne die Kölner Verkehrsbetriebe? Worüber würden wir uns dann aufregen? Nun ja, da gibt es wahlweise noch das Wetter, den Paketdienst der Deutschen Post, den Telefonanbieter, das Fernsehprogramm … geschenkt! Und aufregen wollen wir uns, weil Aufregung etwas Schönes ist. Da fühlt man sich doch gleich viel lebendiger.

Égalité, fraternité, Ticket 1b

Über nichts kann man sich so herrlich aufregen wie über die Kölner Verkehrsbetriebe. Die sieht man ja auch überall! An jeder Ecke von Köln stolpert man über einen von der KVB. Wenn man sich die mal genauer anschaut, dann sind das genau die gleichen Jecken wie wir. Mit genau den gleichen Fehlern und Schwächen, die wir uns selbst erlauben, denen aber nicht. 

Woanders als in den Bussen und Bahnen, an den Stationen und in den Service-Centern der KVB begegnet einem das ungeschönte Leben in all seinen Facetten so intensiv, bunt und geschäftig? Erst eingezwängt zwischen all den anderen schwitzenden, furzenden, rülpsenden, schnatternden und rempelnden Menschen in einer rappelvollen, überhitzten und virenverseuchten Bahn sind wir alle gleich. Da sind wir ein Volk, das ist die wahre Demokratie!

Und überhaupt: Wenn man es einmal vorbehaltlos betrachtet, sind doch wir Fahrgäste schuld an den allermeisten Störungen im Betriebsablauf. Wie oft habe ich schon erlebt, dass die Bahn an der Weiterfahrt gehindert wurde, weil einer von uns die Türen für aus weiter Ferne herbeieilende Zuspätkommer blockierte. Und ein paar Stationen weiter haben wir selbst dann am lautesten darüber geschimpft, dass die Bahn schon wieder Verspätung hatte.

Sobald es einmal schiefläuft, sollte uns das zeigen, wie gut es uns doch geht, wenn alles funktioniert. Aber ach, es ist wie mit dem menschlichen Körper: Solange ich gesund bin und mich wohlfühle, verschwende ich keinen Gedanken an meinen besten Freund. Dann fühle ich mich eins mit ihm und sage: Das bin ich. My body is my buddy. Dem geht es so gut, weil ich ihn so gut behandle.

Aber wenn einmal etwas im Argen ist – und sei es nur ein leichter Schnupfen oder schlechte Verdauung für ein paar Tage -, beginnt sogleich das große Wehklagen. Dann ist mein Körper jemand anderes, er gehört nicht mehr zu mir. Und ich behandle ihn wie einen Fremden, der sich gefälligst endlich wieder an meine Regeln halten soll.

Und so ist es auch mit der KVB: Sie ist unser bester Freund – solange alles fluppt!

Und ohne Smartphone fluppt’s halt nicht

Zu meiner Verabredung in Porz bin ich natürlich viel zu spät gekommen. Die Person, die ich dort treffen wollte, dachte, es wäre mir etwas dazwischengekommen, und hat nach einer halben Stunde Wartezeit umdisponiert.

Das kommt mal wieder davon, dass ich auf der ganzen Welt immer noch der Einzige bin, der kein Handy hat. Schon komisch, wie Ereignisse manchmal zusammentreffen: Ausgerechnet an diesem Abend rief Unkas bei mir an.

Aber davon erzähle ich lieber ein anderes Mal.

16. September 2017, Text & Foto: BeVi

 

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