Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

Wo ist all der Spaß geblieben, den wir früher einmal hatten?

Vor Aids und Tschernobyl. Vor dem sauren Regen und dem Waldsterben, vor der Plastikvermüllung der Meere, vor Parship, Vladimir Putin und Donald Trump? Das Leben hat früher doch eigentlich Spaß gemacht, oder?

Schon wieder Straßenbahn. Diesmal Haltestelle Eifelstraße, Nähe Humboldt-Gymnasium, offensichtlich gerade Schulschluss. Gut, dass ich schon am Barbarossaplatz eingestiegen bin und einen komfortablen Sitzplatz gefunden habe. Jetzt strömen die jungen Leute in die Bahn. Endlich ab nach Hause!

Gleich vor mir baut sich ein Pärchen auf und beginnt miteinander zu flirten. Beide vielleicht 14 oder 15 Jahre alt. Ihre Wangen glühen vor Erregung.

Ihre unbeholfenen Bewegungen und verlegen dreinschauenden, oft aufblitzenden Augen, ihre verlegenen Versuche, ein Gespräch miteinander zu führen, ohne einfach übereinander herzufallen, verraten allen anderen Fahrgästen, wie es um die beiden steht.

Und so breitet sich im Verlauf der weiteren Fahrt eine Atmosphäre von heiterem Neid und neidischer Heiterkeit unter den älteren Leuten in der Bahn aus. Etliche erinnern sich mit schmunzelnd gesenkten Blicken an die schönen Zeiten, als sie selbst noch ihre Wangen glühen fühlten.

Andere, glücklicherweise nur wenige, lassen ihre Augen rollen und suchen draußen, am vorüberziehenden Panorama einer gewöhnlichen Straßenbahnfahrt, nach dem weiteren Sinn des Lebens: an den verschmierten Häuserwänden, den januarkahlen Bäumen und Sträuchern und den unendlichen Reihen parkender Autos.

Und jetzt muss ich alter Trottel natürlich auch an all die wunderbaren Mädchen und Frauen in meinem Leben denken, die nicht nur meine Wangen, sondern meine Gefühle sowie alle mir zur Verfügung stehenden Hormone insgesamt zum Glühen gebracht haben.

Für einen Jungen gibt es nichts Herrlicheres auf dieser Welt als ein Mädchen, in das er verliebt ist. Er findet keinen größeren Sinn des Lebens, als sich diesem wunderbaren Wesen aus lauter Liebe wehrlos auszuliefern. Es gibt keine größere Qual, als diese Gefühle der Gleichgültigkeit zu überantworten. Aber selbst diese Qual ist tausendmal besser als ein sicherer Alltagstrott.

Jetzt treten sie einen Schritt aufeinander zu, ihre Fingerspitzen suchen und berühren einander. Um den Jungen mache ich mir Sorgen. Sieht aus, als fiele er gleich in Ohnmacht. Das Mädchen sieht auch nicht besser aus. Aber beide machen einen unbesiegbar glücklichen Eindruck. Sie verabschieden sich voneinander. Bis morgen.

„Bringst du das Buch mit?“

Er nickt und stolpert hinaus.

Text: -bevi

 

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2 Kommentare

  1. Echt süß!

  2. Made my day 😎….Andere, glücklicherweise nur wenige, lassen ihre Augen rollen und suchen draußen, am vorüberziehenden Panorama einer gewöhnlichen Straßenbahnfahrt, nach dem weiteren Sinn des Lebens: an den verschmierten Häuserwänden, den januarkahlen Bäumen und Sträuchern und den unendlichen Reihen parkender Autos🤪

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